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LEKTÜRE

Fallen lassen (von Brigitte Schwaiger)

Immer wieder Tagespatientin in der Baumgartner Höhe. Es ist jetzt immer öfter so, dass ich den kürzeren Weg wählen möchte, und das wäre, mich aus einem hohen Fenster zu stürzen. Der längere Weg ist, zu schreiben über mein unglückliches Leben.

Ich war Ende des Jahres 2001 so kaputt vom vielen Nachgrübeln über mein unglückliches Leben, dass ich mich, es war der 19. Jänner 2002, in die Baumgartner Höhe einliefern ließ.

Als ich im großen Saal des Pavillons ankam, wurden mir gleich ein Stuhl und eine Schale Kaffee angeboten von einer sehr mütterlichen Bedienerin. Eine blonde Frau, die neben ihr saß, sagte, als sie mich weinen sah: "Du morgen ganz anderer Mensch! Ich vor zwei Tage gekommen und neuer Mensch bin schon!"

Ich verbrachte mehrere Nächte stationär, es wurde die Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert, da ich seit dem Jahr 1992 mir selbst zugefügte Brandwunden von einer Zigarette auf beiden Armen habe und Schnittverletzungen am linken Handgelenk seit dem Jahr 1972. Der Borderliner fühlt in sich einen seelischen Schmerz, den er durch bewusste Hautverletzung, etwa mit einem Messerschnitt, übertönen möchte. Sozusagen damit die Seele nicht so wehtut, damit man das Seelenleid zumindest vorübergehend einmal nicht spürt, schneidet oder brennt man sich selbst und erlebt den äußeren, den körperlichen Schmerz als vorübergehende Erleichterung.

Ich rückte erst bei meiner zweiten freiwilligen Einlieferung, in Panik, in einer Novembernacht 2002 damit heraus, dass ich eine lesbische Frau bin, dass ich sexuell von Frauen träume, und ich dachte, nun würde der Arzt sich mit Grausen von mir abwenden und vielleicht sagen: "Solche Patientinnen behandeln wir nicht, für solche Frauen ist für uns kein Platz." Aber der Arzt versuchte mir zu erklären, dass das nichts Besonderes sei, es lebe doch jeder nach seiner Fasson.

Ich hatte dann einige Monate lang Befreiungserlebnisse, wenn ich die Mutprobe jedem Menschen gegenüber wagte, in Therapie-Gruppensitzungen im Pavillon zum Beispiel, "Ich bin lesbisch", dann hieß es: "Na und?" Im Gefühl, "keine richtige Frau" zu sein, Selbstmord begehen wollen: Ich lebte damit jahrzehntelang, verschwieg es meinen Lesern, erwähnte es nicht in meinem ersten Roman, "Wie kommt das Salz ins Meer". Ich wagte es nicht zu sagen, aus Angst vor Bestrafung, fühlte mich schuldig, nicht normal zu sein, fühlte mich schuldig Frauen gegenüber, schuldig und zugleich zurückgewiesen, wenn meine Annäherungsversuche mit Unfreundlichkeiten abgewiesen wurden. Das könnte das Messer in mir sein, dessen Schneide mir oft so wehtut, dass ich den Körper töten möchte, damit er nicht mehr den Schmerz fühlt. - Und jahrzehntelang Männer enttäuscht im Bett, ihnen das Gefühl gegeben, keine guten Liebhaber zu sein, weil sie mich nicht zu einem Orgasmus bringen konnten.

Nun das Problem, dass ich mit Männern angeblich stark kokettiere - es ist mir nie bewusst, es wurde mir manchmal gesagt, dass es auffalle. Schon meine Mutter sagte mir, als ich sehr klein war, oft: "Du bist kokett." Ich verstand nicht, was sie meinte, und nahm an, dass das nichts Gutes ist.

Ich war halsüber verliebt in meine Mutter als dreijähriges Kind. Selig, wenn ich ihr beim gemeinsamen Baden den weißen Busen einseifen durfte.

In der Baumgartner Höhe sitzen Depressive, Schizophrene, Maniker (die gehen meist laut sprechend herum oder werden zur Beruhigung in ein Netzbett verfrachtet) und Borderliner. Eine junge Frau, sehr resolut auftretend, mit Narben auf den Armen, auf den Händen, wahrscheinlich auch auf den Beinen. Sie schluckt immer wieder gewisse Gegenstände (Rasiermesser, Reißnägel und anderes), was ihr dann herausoperiert wird. Sie ist schon einmal aus einem Fenster gesprungen und hat überlebt. Ihr Vater warf sich vor einen Zug, sie sagt, sie müsse immer darüber nachdenken, er habe seine Jacke im Auto gelassen und sei bei einer Bahnhaltestelle gegen den vorbeifahrenden Zug gelaufen. Sie raucht fast pausenlos, es rauchen fast alle psychisch Kranken eigentlich fast pausenlos, und die Gespräche drehen sich um Zigarettenmarken. Die Ärzte gehen durch den Saal, die Pfleger stellen sich manchmal in die Tür, um einen Blick in den Saal zu werfen. Es geschieht eigentlich nichts Aufregendes, Patientinnen stricken oder häkeln, rauchen, lesen, Patienten machen Kraftproben, Muskelproben, wenn sie gut aufgelegt sind, man kann sich auch, wenn man nicht halb stationär, sondern stationär ist, ins Zimmer zurückziehen.

Immer wieder ist eine Einlieferung, oft liefert sich jemand selbst ein, meist jemand mit akuten Selbstmordabsichten, der den Weg "in die Psych" wählt, oder es bringen zwei Rettungsmänner und zwei Polizisten jemanden, es verläuft meist vollkommen undramatisch, der Eingelieferte steht geduldig neben den Beamten, es heißt, der Arzt komme gleich, er werde gerufen bereits, dann werden Formulare unterschrieben, die Einlieferer verabschieden sich und verlassen den Pavillon, der oder die Eingelieferte wird
in ein Arztgespräch genommen, zum Beispiel eine junge Frau, die eine Anzeige machen wollte bei der Polizei wegen Lärmbelästigung über ihrer Wohnung, wurde in der Polizeistation von einem Amtsarzt untersucht und dann in der Baumgartner Höhe eine Weile stehen gelassen im Saal mit ihrer Handtasche, dann saß sie im Netzbett und fragte mich, die ich grad vorbeiging: "Warum bin ich hier eingesperrt? Warum hat man mir meine Handtasche weggenommen?" Ich sagte: "Die Handtasche hat man Ihnen genommen, weil man glaubt, dass Sie verwirrt sind und nicht selbst auf sie aufpassen können. Später bekommen Sie sie natürlich zurück."

Ich weiß nicht mehr, ob sie sagte, sie habe Durst oder müsse zur Toilette, jedenfalls spielte ich eine Zeit lang Vermittlerin zwischen Netzbettinsassinnen und dem Pflegepersonal, bis ein Pfleger mich bat, solche Vermittlerdienste zu unterlassen. Man will sich ja nützlich machen irgendwie, man möchte nicht immer sitzen, schauen, rauchen, noch eine Zigarette, noch eine, ich dachte einmal: Vielleicht macht Rauchen psychisch krank, und man weiß es nicht.

"Ich tät ja selber gern auch einmal in die Baumgartner Höhe gehen", sagte ein Künstler zu mir, dem ich erzählte, dass ich immer wieder Tagespatientin bin. "Aber ich hab Angst, die lassen mich dann nimmer heraus." "Im Gegenteil", sagte ich, "die entlassen einen immer viel früher, als einem lieb ist. Sie wollen die Betten frei haben, die Ärzte bemühen sich, jeden Patienten möglichst rasch dazu zu bringen, mit bestimmten Medikamenten wieder bei sich zu Hause leben zu können."

Von der um fünf Jahre älteren Halbschwester heimlich immer wieder ins Gesicht geschlagen und bedroht, wenn ich lüge - wenn ich nämlich sage, dass sie mich geschlagen hat, wird sie mich noch viel mehr schlagen. Und: "Du kommst ins Narrenhaus", "Hast narrische Schwammerln gfressn?", "Wenn Blödheit wehtät, tätst den ganzen Tag schreien", "Dich sperren wir ins Gefängnis, dich holt der Gendarm, da sitzt du dann bei Wasser und Brot". So war ich ein noch dazu römisch-katholisch mit Höllenangst und Sündenbewusstsein sehr eingeschüchtertes Kind. "Nie lügen!", hatte meine strenge Großmutter mir eingeschärft, und mit dem "Nie lügen!" habe ich mir viele schwere Probleme in meinem Leben schon bereitet, weil ich vielleicht meine Wahrheitsliebe übertreibe.

Lesbisch sein, mit 13 Jahren, ich dachte: Hier in diesem Buch steht, diese Krankheit ist  unheilbar, und mein Papa, der Doktor, darf alle unheilbar Kranken umbringen, und wenn mein Vater erfährt, dass ich nicht normal bin, und dann begann die Schwärze im Gehirn. In der Baumgartner Höhe umarmen Patientinnen manchmal Patientinnen, wenn eine vor seelischem Schmerz leidend zum Beispiel so wie ich einmal auf dem Fußboden auf allen vieren kriecht. Ich hatte hundertmal, wenn ich rauchend auf einem der Stühle saß, gedacht: Jetzt lasse ich mich fallen. Und immer der Versuchung widerstanden, aufrecht sitzen geblieben, mit dem Schmerz in mir, einmal sagte ich, als Tagespatientin: "Ich habe solche Schmerzen, ich muss heimgehen, mich ins Bett legen." Es ist ein Messer in dir mit schar-fer Schneide, es ist innen in dir gegen dich gerichtet, es tut weh, es ist kein richtiges Messer, es tut nur so weh, dass du rennen möchtest hinauf ins höchste Stockwerk und schnell dich hinunterfallen lassen, damit dieses Sehnen aufhört, du weißt nicht, wonach, ich weine dann: "Lieber Gott, warum bestrafst du mich so und wofür, bin ich eine Sünderin, eine Mörderin, eine Ehebrecherin?", ja, so oft mit verheirateten Männern ein (ohnehin unbefriedigendes, eher hysterisches) Verhältnis gehabt und abgetrieben, das ist Mord, und Scherz getrieben mit Worten.

Ein junger Patient ging einmal ins Badezimmer des Pavillons, kam splitternackt heraus, hielt über seinem Kopf eine Flasche, die mit flüssiger Seife gefüllt war, und schüttete sie sich im Gehen seelenruhig auf den Kopf. Eine Krankenschwester fasste ihn zart an mit einem "No, was ist denn des?" und führte ihn zurück ins Badezimmer. Mich hatte vor dem Anblick des jungen Nackten so geekelt, dass ich wieder wusste: Ich bin eine
schlechte Frau. Wie ungerecht Männern gegenüber, ich komme aus meinen Schuldgefühlen nicht heraus.

Psychisch krank, von einer Sozialhilfe lebend, man fühlt sich minderwertig, unnütz, "die gehören ja alle umbracht", denke ich manchmal, wenn ich die Kollegen und Kolleginnen, die Mitpatientinnen, ansehe, inklusive mir, ich bin aus einem Nazi-Elternhaus, ich hörte so viel über das "lebensunwerte Leben".

Ungefähr dreimal im Jahr begeht in der Baumgartner Höhe einer der Patienten Selbstmord. "Das können wir nicht verhindern", sagte ein Pfleger einmal zu mir. "Wir können die Patienten ja nicht bis ans Lebensende einsperren, wenn wir Angst haben müssen, dass sie sich umbringen." Es ist jetzt immer öfter in meinem täglichen Tag, dass ich den kürzeren Weg wählen möchte, und das wäre, mich aus einem hohen Fenster zu
stürzen. Der längere Weg ist, zu schreiben. Mein Arzt riet mir, bei aufkommenden Selbstmordideen gleich an ihn einen Brief zu schreiben und ihm zu schicken, "einfach alles erzählen, was Ihnen durch den Kopf geht, es darf auch kritisch sein über uns natürlich". Warum nicht einmal einer Zeitung schicken? Ich habe mich sozusagen geoutet.

Oben hört man manchmal folgenden Dialog unter Männern: "Gehts dir aa heut saudreckig?" "Ja, mir aa."

Eine Patientin, eine sehr interessant aussehende, groß gewachsene weibliche Erscheinung, ungefähr 60 Jahre alt, ist des Öfteren "oben", schläft meist mehrere Tage in  einem Netzbett, dann verbringt sie ihre Zeit im Saal, hatte einmal geschlafen lange, mein Eindruck war, sie sei sehr durstig, ich wurde von einem Pfleger gerügt, weil ich bei ihrem Bett stand. Ich wagte nicht zu sagen: "Sie muss Durst haben." Man hat ja, wenn man außer Borderline auch angstkrank ist, oft Angst.

Sie wachte dann eines Tages auf und wurde nicht gleich freigelassen, so saß sie im Netzbett und sang das Lied "Mein Vater war ein Wandersmann". Sie konnte das ganze Lied auswendig, und ich hörte ihr zu, und auf einmal wollte ich Krankenpflegerin werden dürfen. [*]

1949 in Freistadt, Oberösterreich, geboren. Lebt in Wien. Hatte 1977 mit ihrem ersten Roman, "Wie kommt das Salz ins Meer", bei Publikum wie Kritik großen Erfolg (Auflage 500.000). Es folgten u. a. die Bücher "Mein spanisches Dorf", "Lange Abwesenheit", "Ich suchte das Leben und fand nur dich".

beide Texte von Brigitte Schwaiger wurden mit freundlicher Genehmigung dem Buch "Fallen lassen" entnommen, erschienen 2006 im Czernin-Verlag und kann hier bestellt werden
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