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LEKTÜRE

Hunger nach Leben (von Kurt Senekovic)

Der Hunger in meiner Lebenskrise bedeutet für mich heute, überlebt zu haben. Die Stimmen, die ich damals gehört hatte, verhinderten wohl, dass Ärgeres mit mir passiert wäre. Sie sagten mir, "Wenn es dir besser geht, wirst du gut leben und du kannst dir kochen, was du möchtest". In dieser Situation konnte ich schwer daran glauben, dass mir das Leben noch eine Möglichkeit bieten würde jemals ein lebenswürdiges menschliches Dasein führen zu können.
Meine Depressionen waren so stark, dass ich nicht fähig war, am Leben teil zu nehmen. Die Panik, versagt zu haben, war so präsent, dass ich mich nicht mehr auf die Straße wagte und ließ auch nicht zu, mich beim Arbeitsamt arbeitslos zu melden.
Dadurch hatte ich auch kein Geld für den täglichen Bedarf; sprich um essen zu kaufen. Trotz allem hatte ich auch Glück im Unglück. Ich hatte ein dach über dem Kopf und Strom.
Der Strom war deshalb so wichtig für mich, denn ich konnte fernsehen. Sie werden sich fragen, warum ist fernsehen in so einer Situation so wichtig für einen Menschen, der weiß Gott andere Probleme zu bewältigen hat?
Na ja - fernsehen war deshalb so wichtig für mich, denn ich konnte Kochsendungen sehen, und vor allem ich konnte Kochrezepte aus dem Teletext abschreiben und hatte auch noch den "Luxus" einen Sattelitenanschluss zu besitzen, der mir noch mehr Möglichkeiten bot, zu Rezepten zu kommen.
Rezepte, Kochsendungen???? Ja warum???
Ich hatte kein Geld, und kein Geld bedeutete kein Essen. Durch das ständige Hungergefühl drehte sich bei mir alles nur um die Nahrungsaufnahme. Die Stimmen, die mich begleiteten, hämmerten mir immer wieder ein, wenn es mir wieder gut geht, werde ich für mich die besten Gerichte auf den Tisch bringen. ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung vom kochen, und glaube sogar, ich hätte Wasser anbrennen lassen.
Durch die vielen Rezepte, die ich vom Teletext abschrieb, konnte ich theoretisch schon jede menge Gerichte auf den Tisch zaubern; aber auch nur theoretisch. für mich selbst hatte ich schon den Status eines Haubenkochs, wie zum Beispiel Alois Mattersberger, dessen Sendung "frisch gekocht ist halb gewonnen" zweimal am Tag im Fernsehen lief und ich keine davon versäumte.
Es stapelten sich mittlerweile Werbeprospekte von Billa, Spar und Hofer in meiner Wohnung, die ich immer wieder und wieder durchblätterte und von deren Köstlichkeiten ich träumte, die die Konsumgesellschaft anzubieten hatte.
Es entstand ein spiel für mich, um den Hunger einigermaßen in den Griff zu bekommen. ich schlug Seite für Seite der Prospekte auf, und ich suchte mir drei der angebotenen Lebensmittel aus. Jenes Brot, diese Wurst, diesen Käse oder doch nicht diesen Käse? Nein, diese Packung enthält nur 350g, ich nehme die
Packung mit 450g um länger auszukommen. Diese Spiel spielte ich sicher hunderte Male durch, aber ich ging dabei nicht als Gewinner hervor.
Im Gegenteil: der Hunger wurde dadurch nicht gestillt, sondern wurde immer stärker und stärker. Meine Gedanken drehten sich im Kreis, ich wusste nicht, was zu tun war: aufgeben oder weitermachen????
Die Stimmen ließen mich immer wider die Prospekte und Rezepte zur Hand nehmen und lesen. Vom lesen aber wurde ich nicht satt, ich musste agieren, um meine Wünsche in Zukunft umsetzen zu können. Der Selbsterhaltungstrieb war so stark, dass er mich Strategien entwickeln ließ, um zu überleben. Die Strategien sahen so aus, dass ich nachts außer Haus ging, um mir Lebensmittel zu besorgen. Aber wie besorgt man Lebensmittel ohne Geld???
Vor allem, wie kommt man zu Lebensmitteln ohne dabei kriminell zu werden??? Ich wusste auch nicht wirklich, wie so etwas funktionieren konnte. Die Erinnerung an Stadtspaziergänge und Filme im Kino und Fernsehen, die so genannte "Sandler" zeigten, wie sie in Mülltonnen nach essbaren stöberten,
schreckte mich ab.
Damals habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Nein, ich muss ehrlich sein, ich hatte schon Gedanken, aber die waren sehr negativ belastet. Wie kann so etwas passieren, auf der Straße zu landen??? Man kann ja schließlich arbeiten, um sich ein Leben zu finanzieren. Als ich diese Gedanken hatte, wusste
ich noch nichts über psychische Krankheiten, außer über die "Verrückten" im Feldhof, schimpfwörtlich auch "Puntigam links" genannt und ich schämte mich im Nachhinein über diese Menschen so abfällig gesprochen zu haben. Doch jetzt war ich selber betroffen, hatte eine starke Depression, die mich handlungsunfähig
machte.
Nein, ich war nicht ganz handlungsunfähig!!! denn ich zog des Nachts aus um Essbares aufzutreiben. Ich hatte also Hunger nach Leben! Ich musste aber eine große Hemmschwelle überwinden, musste wie ein Sandler agieren, in der Mülltonne stöbern, um zu Essbaren zu gelangen. Ich zögerte - ich ging
mindestens zehnmal an einem Abfallbehälter vorbei und sah mich ebenso oft um, um zu sehen, dass mich niemand dabei beobachtete, wenn ich im Abfalleimer zu suchen begann. Tausendmal stellte ich mir die Frage, soll ich oder soll ich nicht?
Aber es war die einzige Möglichkeit, um zu überleben. Der Hunger war so stark, dass bei mir die letzten Hemmschwellen fielen. Ich hatte Glück, denn gerade dieser Abfallbehälter stand hinter einer Fabrik, wo die Arbeiter öfters ihre Jause zu sich nahmen. Ich wurde fündig: ein Stück Braunschweiger zauberte ich aus
dem Container. Ich freute mich wie ein kleines Kind zu Weihnachten unter dem Christbaum. Meine Augen leuchteten wie bei einem kleinen Kind, das gerade reich beschenkt wurde. Aber was geschah nun mit mir? Es überkam mich plötzlich ein Gefühl aus Angst und Scham. Scham deshalb, weil mir wieder
bewusst wurde, in welcher Situation ich mich befand, und jetzt auch endgültig zu den gescheiterten Existenzen, sprich "Sandler" zählte.
Außerdem hatte ich große Angst, von jemandem gesehen worden zu sein und damit auch von der Außenwelt abgestempelt zu werden. Ich verschwand so schnell ich konnte aus dem Fabriksgelände und beruhigte mich wieder einigermaßen. Ich feilte aber auch sofort wieder an neuen Strategien, um zu Lebensmitteln zu kommen. Da fiel mir der Schafbauer in der Nähe meiner Wohnung ein, der eine Tonne für Brot und Gemüse aufgestellt hat, wo Menschen ihr altes Brot für Schafe hineinwerfen konnten. auch hier wurde ich fündig und
kam zu Brot, das noch nicht sehr alt gewesen war. Meine Güte - können sie sich vorstellen, welches Glücksgefühl in mir hochkam bei einem stück Braunschweiger und Brot? Ich glaubte in meinem Leben noch nie etwas besseres gegessen zu haben und auch, dass ich nie wieder so etwas Feines zum Essen bekommen
werde. Der Anfang war gemacht und ich startete eine sagenhafte "Mülltonnenkarriere", die mich über ein Jahr überleben ließ. Innerhalb von kurzer Zeit kannte ich in meinem Wohngebiet jeden Abfallbehälter oder jede Mülltonne, die etwas zu bieten hatte. Ich wusste auch die tage, an denen die Müllabfuhr den
Müll wegbrachte, nämlich am Mittwoch. Für mich hieß das soviel wie, dienstags nachts zu den Tonnen zu gehen und nach Köstlichkeiten suchen. sie dürfen jetzt aber nicht in der Annahme sein, ich hätte wie ein Ferkel gelebt!
In dieser "Mülltonnen-Ära" ist mir auch verstärkt bewusst geworden, in welcher Wegwerfgesellschaft wir uns heute befinden, in der Lebensmittel, ohne verdorben zu sein, einfach weggeworfen werden.
Ein ganz besonderer Platz für mich waren die Hofer-Mülltonnen: Sie boten alles was das Herz begehrte: Obst, Gemüse und andere Köstlichkeiten. Plötzlich musste ich aber feststellen, dass mir an den Hofer-Müllcontainern ein Kollege die Waren streitig machte. Ich zermürbte in mit meiner neuen Strategie,
in dem ich ab jetzt immer früher dort gewesen war und ging letztendlich als Sieger vom Platz. Jetzt war es endlich soweit!
Ich konnte meine theoretischen Kochkünste in die Praxis umsetzen, denn ich hatte Kartoffeln, Karotten, Zwiebeln und andere Zutaten, um zu kochen. Die Küche, die ich vorher nur für Fertiggerichte benutzt hatte, wurde plötzlich zu meinem Lebensmittelpunkt. Ich weiß nicht, wieso ich jede menge Gewürze
zu hause hatte, die ich vorher nie gebraucht hatte - jetzt waren sie sprichwörtlich das "Salz in der Suppe". Sie können sich nicht vorstellen, wie es bei mir zu Hause geduftet hat, wenn ich meine Kochkünste von der Theorie in die Praxis umsetzte.
Alois Mattersberger hätte bestimmt alt ausgesehen neben mir und mir seine Haube überreicht. So konnte ich mich mehr als ein Jahr über Wasser halten. Viel Zeit ist inzwischen vergangen, der Hunger nach Leben hat mich weitergebracht und heute arbeite ich als Projektleiter für den "Verein Sonnenaufgang" - Betroffene beraten Betroffene.
Sie sehen, das Leben bietet immer mehrere Chancen, auch wenn man noch so tief gefallen ist, einen Neuanfang zu wagen. Ich habe aus meinen Lebenskrisen viel gelernt und hoffe, dadurch anderen Menschen in ähnlichen Situationen weiterhelfen zu können. Aus dem "Müllmenschen" von damals ist ein sozial
engagierter und integrierter Mann dank seines Hungers nach Leben geworden, mit dem Wunsch, wie einst Scarlet in dem Film "Vom Winde verweht" gesagt hat:
"Ich will nie wieder hungern".
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