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LEKTÜRE

Beim Wort genommen (von Heimo Steps)

(erschienen im "Sterz" 97/98, 2005 zum Thema "Glück")
Ich wurde 1946 in Knappenberg mit viel Glück geboren und bin dort aufgewachsen. Mein Vater, ein Tiefbautechniker, war während des Krieges von den Hermann-Göring-Werken in Linz dorthin beordert worden, den Bau der Wasserleitung für die „Neue Siedlung“ zu leiten. Er war zum Glück nicht militärtauglich gewesen, weil er ein verkrüppeltes Knie hatte, das ihm im Alter von 22 Jahren von einem eifersüchtigen Idioten mit der Sense zugefügt worden war.
Er hatte nicht das Glück der später Geborenen, denn die Chirurgen der 20igerjahre, und wenn sie auch das Glück hatten, in Graz zu wirken, waren nicht in der Lage gewesen, das Knie wieder herzurichten. Er versuchte, den dadurch erworbenen körperlichen und seelischen Minderwert durch besessene Arbeit zu vergessen. So fand er zum Glück auch meine Mutter, während des Krieges Schulhelferin in Knappenberg. Ihre glücklichen Kolleginnen und Freundinnen heirateten Kaufleute oder Obersteiger und wurden noch glücklicher. Sie heiratete den Herrn Ingenieur, der überdies, wie sie nach seinem Tod sagte, sehr charmant sein konnte. War das ein Glück !?

Sie war jedenfalls glückliche Tochter von Volks- und Parteigenossen , mein Vater wurde wegen Sabotage angezeigt, weil er für die serbischen Kriegsgefangenen, mit denen er arbeitete, bessere Essensrationen verlangte, und sei es nur, damit sie leistungsfähiger würden, möglicherweise auch, um ihnen zu helfen. Zum Glück versandete das Verfahren. Die Bergknappen, die ihn kannten und mit mir über ihn redeten, sprachen mit Respekt von seinem Fleiss, aber auch davon, dass ihm jeglicher Dünkel fehlte. Da war ich ein bisschen glücklich.

Mit Kriegsende gingen seine Ersparnisse verloren. Er arbeitete noch bei einem Wasserleitungsbau in Klein Sankt Paul, musste aber 1947, bevor zum Glück meine Schwester geboren wurde, wegen eines sich schon lange abzeichnenden Lungenemphysems mit der Arbeit aufhören. Da er, 1902 in Graz als deutscher Staatsbürger geboren, diese Staatsbürgerschaft nie aufgegeben hatte, sollte es 12 Jahre dauern, bis er zu unserem Glück eine Invalidenrente bekam. So lebte die Familie von einer Fürsorgerente und unter Fürsorgebetreuung. Die Mutter blieb zuhause und strickte Westen, Pullover, Socken, Hauben und Fäustlinge für die Nachbarn und für Knappen und Bauern in Gossen, Untergossen, Obergossen, in Semlach, Zosen und in der Heft. Und es war ein Glück, wenn sie mit den Aufträgen zu Weihnachten, Ostern oder Geburtstagen fertig wurde. Es war dann ein besonderes, wenn auch oft über die Mühen langer und steiler Fusswege erreichtes Glück, mit ihr oder von ihr geschickt die immer schön gefertigten wollenen und wärmenden Produkte zuzustellen. Denn da gab es meistens Speck, gelundenen Käse oder Sterz. Meine Mutter kassierte im Ort auch die Mitgliedsbeiträge für „Die Kinderfreunde“. Das war auch ein Glück, denn Knappenberg war damals ziemlich „rot“. Mein Vater baute, da konnte er das zum Glück noch, einen präzise geplanten, sehr schönen Hühnerstall, sodass wir auch Eier verkaufen konnten, meistens im Tausch gegen Zigaretten für den Vater. Das bescheidene Glück darüber dauerte gerade so lange, bis ihn die Atemnot packte und er selbst im kalten Winter alle Fenster aufriss. Wir sammelten auch Herrenpilze und Eierschwämme, hatten aber mit unserer grössten Ausbeute kein Glück, weil der Preis an der Sammelstelle zu unserer Bestürzung über Nacht ins Lächerliche gefallen war.

Zum Glück war ich das Gefühl der Lächerlichkeit irgendwie gewohnt. Denn die Kinder in der Siedlung  machten meinen hinkenden Vater hinter seinem Rücken nach und lachten über ihn. Zum Glück sah ich das und lachte meinerseits einmal den stattlichen und angesehenen Herrn Ingenieur Matz aus, übrigens ein sehr freundlicher Herr, als es ihn mit seinem Motorroller in einer scharfen Kurve hinstreute, ohne dass er sich dabei verletzte. Das Lachen war mir schon längst vergangen gewesen, als der „schöne Herr Matz“ das meinem Vater später einmal beiläufig und vermutlich selbst lachend erzählte. Da war ich dann wieder ein bisschen glücklich, wenn die folgende zornige väterliche Schelte vorbei war.

Ein ungeahntes Glückserlebnis hatte ich, als an einem schönen Sommernachmittag, wo Alt und Jung vor den Blockhäusern, dort wohnten wir, tranken, Karten oder Fussball spielten, Kinder säugten, tratschten, vergnügt und ein bisschen glücklich waren, der ausgebrochene Hengst des Wasserbacher-Bauern wild heranstürmte, mein Vater ihm entgegenhinkte und sich mit erhobenen Armen vor ihn hinstellte: das Ross bäumte sich auf , wieherte laut, blieb stehen und liess sich von meinem Vater ruhig den Kopf tätscheln. Da hatten wir alle Glück und ich war stolz auf den Vater. Ich glaube, dass sogar meine Mutter ein bisschen glücklich war. Und das alles war zum Glück auch nicht lächerlich. Zum Glück wohnten die Verwandten meiner Mutter in der Nähe, nicht ganz zwar, weil es immerhin an die dreissig Kilometer waren. Zum Glück !

Ihnen ging es besser, und so brachten sie uns abgetragene Kleider, manchmal auch ein bisschen Geld. Wir mussten darüber glücklich sein und das auch zeigen, wozu mein Vater überhaupt keine Bereitschaft zeigte. Mit vier Jahren hob ich mir bei der Ernte von Krautköpfen für den Wasserbacher einen Leistenbruch und wurde ins Spital der Barmherzigen Brüder in Sankt Veit an der Glan eingeliefert. Als mich meine arme Mutter mit ihren Verwandten besuchte, verkroch ich mich unters Bett und war nicht herauszubringen. Ein Glück, dass ich bald wieder nach Hause konnte. Ungefähr in diesem Jahr begab es sich, dass mich meine Mutter in die Kirche mitnahm. Nach der Messe fragte sie mich, wie es mir gefallen habe. Ich sagte, dass ich nicht mehr in die Kirche gehen wolle, weil „Der liebe Gott schreit so.“ Es war aber zum Glück nicht der liebe Gott, sondern nur der Pfarrer von Hüttenberg, der für mich auch wegen seines Ornats Allmächtigkeit verkörperte. Ich
wusste von meinen Eltern: „Der liebe Gott weiss alles“. Das liess mir den lieben Gott allmächtig erscheinen und schärfte mein Gewissen. So hätte ich glücklich werden sollen.

Ich brauchte einige Zeit, um mich von meinem Schrecken zu erholen. Dann gewannen meine Messebesuche an Regelmässigkeit, möglicherweise auch deshalb, weil der Knappenberger Kaplan ein ausnehmend menschenfreundlicher Kleriker war. Er wirkte auch in der Volksschule. Zum Glück für mich. Und es begab sich eines Sonntags, dass seine Verkündigung des Evangeliums aus der Bergpredigt bestand:

"Selig die Armen, denn ihnen gehört das Reich Gottes.
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
selig die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
Selig die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden....etc.“

Ich verstand wohl ein bisschen, gerade aber das Wort „selig“ nicht. Die mütterliche Hermeneutik klärte mich auf: „Selig heisst sehr, sehr glücklich.“ Glück war damals für mich, wenn ich vom Christkind Schi, zu Ostern von meiner Taufpatin einen Reindling und einiges Geld bekam, wenn ich mit den Buben in der Siedlung oder im Wald spielen durfte, solange mich mein Vater nicht nach Hause pfiff, wenn mich Erwachsene freundlich ansprachen, wenn ich vom Fenster aus über das Kärntner Nebelmeer schauen und den Ulrichsberg, die Gerlitzen, die Karawanken und dahinter den Triglav in der Sonne sehen konnte, wenn ich mich freuen konnte, dass Knappenberg auf der Sonnseite lag, ein besonderes Glück war es, wenn sich meine Eltern am Abend nicht stritten und ich morgens aufwachte und das Bett nicht nass war.

So konnte ich nur sehr schwer erahnen, dass in der Bergpredigt von einem sehr, sehr grossen Glück die Rede war. Die mütterliche Didaktik bemühte sich, die Grenzen meiner kindliche Logik zu erahnen. „Wir sind arm, wir dürfen aber sehr, sehr glücklich sein, weil wir später in den Himmel kommen werden.“ Und ich schloss daraus, dass wir sehr, sehr gücklich sein durften, weil wir sehr, sehr arm waren. Wirklich glücklich war ich aber, weil ich nun endlich das Wort „selig“ verstand.

Und daher hat der Begriff „armselig“ für mich auch heute noch eine freundliche Bedeutung: arm und  selig. Da können geeichte Etymologen noch so apodiktisch verkünden, dass „armselig“ vom mittelhochdeutschen „Armsal“ – Armut, Elend – stammt, analog zu „Trübsal, Rinnsal“ undsoweiter. Denn was ist dann mit „glückselig“ ? Das meint doch irgendwie mehr als das Glück, die letzte Strassenbahn gerade noch erwischt zu haben. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass „glückselig“ im allgemeinen Sprachgebrauch die höchste Form irdischen Glücks meint, wozu wiederum Gustave Flaubert meint:

„Die Hypothese einer vollkommenen Glückseligkeit ist trostloser als jene einer unablässigen Qual, denn wir sind dazu bestimmt, sie nie zu erreichen.“

Da kann ich mit der wirklich transzendenten Armseligkeit schon glücklicher leben, wenn ich zum Glück auch schon lange nicht mehr wirklich arm bin. „Der Arme kann der Armut entrinnen, nicht aber seinem Stolz“: Ob ich über diesen Aphorismus von Vauvenargues glücklich bin? Wer weiß?

(erschienen im „Sterz“ 97/98, 2005 zum Thema „Glück“)
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