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LEKTÜRE

Es ist nie zu spät für Therapie und Heilung!


"Rückblickend hatte ich mit 15 meine erste, ausgewachsene Depression, mit 21 meine erste Panikattacke und mit 38, nach jahrelangem Alkoholmissbrauch, einen Nervenzusammenbruch, der mich in die Psychiatrie brachte - der Wendepunkt zur Heilung." ... "Lange Zeit hatte ich eine unglaubliche Wut auf meine Mutter und machte sie verantwortlich dafür, dass auch ich unter Depressionen litt." .... (Erfahrungsbericht einer von psychischer Erkrankung Betroffenen und Angehörigen)

Seit meinem 12. Lebensjahr war ich von immer wiederkehrenden depressiven Zuständen, die ich damals nicht als solche einordnen konnte, betroffen. Es war für mich sehr belastend, wenn an manchen Tagen meine Fröhlichkeit weg war, die Farben aus meinem Leben verschwanden und ich, wie in Watte gepackt, nichts mehr empfinden konnte, nichts! Nur absolute Leere! Mehr als einen Tag dauerte das eigentlich damals nie. Ich fing an, diese „Zustände“ mit Alkohol zu „behandeln“. Ich wollte in meiner Clique nicht als Spaßverderberin gelten. Rückblickend hatte ich mit 15 meine erste, ausgewachsene Depression, mit 21 meine erste Panikattacke und mit 38, nach jahrelangem Alkoholmissbrauch, einen Nervenzusammenbruch, der mich in die Psychiatrie brachte - der Wendepunkt zur Heilung. Denn da erst gestand ich mir ein, dass ich krank war und konnte anfangen, an mir zu arbeiten und Strategien zur Gesundung zu suchen und zu finden.

Klar wurde mir damals auch, dass ich zu einem bestimmten Grad genetisch vorbelastet sein musste, denn meine Mutter litt seit ihrem 30. Lebensjahr unter starken Stimmungsschwankungen, die sie, wie ich, mittels Eigentherapie- Medikamenten- und Alkoholmissbrauch - „behandelte“. Es war für alle, besonders für uns Kinder, eine sehr schwere Zeit. Niemand sprach mit uns darüber, jeder war mit den Ängsten und Schuldgefühlen auf sich alleine gestellt. Erst als wir erwachsen wurden, sprachen wir miteinander, was mit unserer Mutter los sein könnte und versuchten, ihr zu helfen. Wir wollten eine „normale“ Mutter und wünschten uns, dass sie mit unserer Hilfe gesund wird. Jede dahingehende Anstrengung war aber vergebens. Kurz aufkeimende Hoffnung und Rückschläge gaben sich die Hand. Im Endeffekt schlitterte unsere Mutter immer mehr in ihre Tablettensucht. Mit der Erkenntnis, dass ein kranker Mensch nur mit Krankheitseinsicht eine Chance hat, gesund zu werden, habe ich aufgegeben, nach Lösungen für meine Mutter zu suchen. Lange Zeit hatte ich eine unglaubliche Wut auf sie und machte sie verantwortlich dafür, dass auch ich unter Depressionen litt. Bei meinem ersten und bisher einzigen Psychiatrieaufenthalt löste sich diese Wut langsam auf, ich konnte ihr verzeihen und einfach für sie da sein, wenn sie mich brauchte. Durch meine eigene Erkrankung verstand ich, dass meine Mutter nicht anders handeln konnte. Bestimmt war es für sie fürchterlich, mitansehen zu müssen, wie ihre Tochter unter Depressionen litt. Ich hatte aber nach mehreren Selbstheilungsversuchen beschlossen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Vielleicht hilft es meinen Kindern, nicht krank zu werden oder nicht so tief in die Krankheit Depression hineinzuschlittern, wenn es sie eines Tages treffen sollte.

Erfreulich ist zu berichten, dass meine Mutter erst vor einigen Monaten - spät aber doch - nach zwei psychiatrischen Aufenthalten, unter ärztlicher Aufsicht eine medikamentöse Therapie begonnen hat, die sie, nach vielen Hoch und Tiefs und einer langen psychotischen Phase, endlich aus ihrer Krankheit hinausführte. Von ihrer Alkohol und Medikamentensucht ist sie vorerst befreit und führt derzeit ein ausgeglichenes Leben, in dem sie die Dinge so nehmen kann wie sie kommen und auch lange Phasen des Glücklichseins und der Lebensfreude erleben darf.
Es ist also nie zu spät für Therapie und Heilung! Die Erfahrungen, die ich als Betroffene und Angehörige gemacht habe, führten mir außerdem vor Augen, dass Depressive in ihrem Kern sehr starke Menschen sind. Wie sonst hätte meine Mutter über 40 Jahre mit ihrer schweren psychischen Erkrankung überleben und dann noch die Kraft haben können, einen neuen Weg zu beschreiten!
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