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LEKTÜRE

Keine Akuthilfe in psychischen Notsituationen

"Ich kann nicht mehr, alles ist aus, no way out“, hämmerte es unaufhörlich in meinem Kopf. Der neue Tag wölbte sich als schier unüberwindbarer Berg vor mir auf." ... Erfahrungsbericht einer Betroffenen.
Völlig unvorbereitet und scheinbar aus dem Nichts traf mich mein zweiter psychischer Zusammenbruch Anfang des Jahres. Der erste lag schon 13 Jahre zurück. Ich dachte, ich sei von Depressionen geheilt. Ich war zwar beruflich und familiär stark belastet, fühlte mich aber stark, den Anforderungen gewachsen.

Als ich eines morgens, es war ein Freitag, meinen Sohn aufweckte, damit er sich für die Schule fertigmachen konnte, riss der Faden. Aus! Von einem Moment auf den anderen schwammen mir die Felle davon. Ich stand mit den Armen rückwärts rudernd am Abgrund.
„Ich glaube, ich habe einen Nervenzusammenbruch“, wimmerte ich meiner Schwester ins Telefon. Ich konnte es nicht fassen. Ich war so sicher, dass mir das nie mehr passieren würde, dass ich seit meinem ersten Zusammenbruch Strategien, eine Art Frühwarnsystem entwickelt hatte, das mich vor Depressionen schützt.
Eine Depression aus heiterem Himmel? Herzklopfen, Panikattacken, Gedankenkreisen. „Ich kann nicht mehr, alles ist aus, no way out“, hämmerte es unaufhörlich in meinem Kopf. Der neue Tag wölbte sich als schier unüberwindbarer Berg vor mir auf. „Seeleninfarkt“ nenne ich das heute – eine Bezeichnung, die ich später auch bei Rüdiger Dahlke fand. Wie bei einem Herzinfarkt hätte ich sofort Hilfe gebraucht, Einweisung in die Psychiatrie und Behandlung. Doch so geht das bei uns nicht. Nur durch persönliche Kontakte gelang es mir, freitagnachmittags für mich ein ambulantes Entlastungsgespräch zu organisieren. Stellen sie sich einen Herzinfarktpatienten vor, der sich seine Behandlung selbst organisiert. Unmöglich. Zwei Tage später, nach unbeschreiblichen seelischen Qualen und schlaflosen Nächten, wählte ich die Nummer der Psychiatrie, die für meinen Bezirk zuständig ist. Dort, das wusste ich, musste ich aufgenommen werden, egal ob ein Bett frei ist oder nicht. Und eines war mir klar, ich muss von zuhause weg, sonst besteht keine Aussicht auf Besserung. Davor hatte ich in zwei Kliniken meiner Wahl versucht, Aufnahme zu finden. Aufgrund von Bettenmangel wurden mir Wartezeiten von bis zu drei Monaten in Aussicht gestellt. Der einzige diensthabende Arzt der zuständigen Psychiatrie an diesem Wochenende war total überfordert und mir gegenüber dementsprechend abweisend. Ich legte beklommen den Hörer auf. Nur durch einen glücklichen Zufall fand ich schlussendlich am darauf folgenden Dienstag Aufnahme in einer der beiden Kliniken meiner Wahl und konnte mich sofort einer Behandlung unterziehen, die mir half, Schritt für Schritt ins Leben zurückzufinden. Insgesamt dreieinhalb Wochen, ein längerer Aufenthalt wird heute von den Krankenkassen kaum mehr bewilligt. Wirklich gesund war ich nach meiner Entlassung nicht. Vor 13 Jahren zählte mein fünfwöchiger Therapieaufenthalt zu den kürzesten der Station. Die meisten Patienten waren damals mindestens acht Wochen in stationärer Behandlung, viele zwei bis drei Monate. Sparmaßnahmen! Und das obwohl psychische Erkrankungen im Vormarsch sind. Jeder vierte Österreicher erleidet im Laufe seines Lebens mindestens eine depressive Episode.

Aufgrund meiner eigenen Betroffenheit musste ich also erfahren, dass die gesundheitliche Versorgung hierzulande doch einige Lücken aufweist. Gerade bei psychischen Erkrankungen ist es um Akuthilfe in Österreich schlecht bestellt. Vor allem an Wochenenden sind Betroffene völlig auf sich selbst gestellt und dadurch gefährdet, sich etwas anzutun, weil sie ihren psychischen Qualen ein Ende setzen wollen. Wirklich sterben wollen angeblich die wenigsten. In dem Bundesland, in welchem ich lebe - das zweitgrößte Österreichs - gibt es gerade einmal zwei psychiatrische Stationen und ein Krankenhaus für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Es besteht also dringender Handlungsbedarf. Die Politik ist gefordert, hier entsprechende Maßnahmen zu ermöglichen. Konzepte gibt es bereits. Wie viel Leid könnte verhindert, Leben gerettet werden, wenn es eine rasche, kompetente und niederschwellige Hilfe gäbe, zu jeder Tages- und Nachtzeit!
(Betroffenenbericht von Eva. S; der Name wurde von der Redaktion geändert; er gibt keinen Rückschluss auf den wirklichen Namen der Verfasserin des Beitrages.)

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Foto: "No way out";
Fotoquelle: Michaela Wambacher
aufgenommen im Österr. Skulpturenpark, Unterpremstätten/Graz
Skulptur: "Labyrinth", Matta Wagnest (2005)
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