home
achterbahn

LEKTÜRE

Will Hall-Abendvortrag - Nachlese

In elf Teilen veröffentlicht die Achterbahn die Zusammenfassung des Abendvortrags „Die Möglichkeiten des Ver-rückten“, den Will Hall am 30.08.2012 auf Einladung des Vereins Achterbahn und der Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit im PSZ-Ost Plüddemmanngasse in Graz gehalten hat.
Will Hall erhielt selbst die Diagnose Schizophrenie. Er fand für sich jedoch einen guten Umgang mit seiner Erkrankung und ist heute eine Leitfigur in der amerikanischen Selbsthilfebewegung. Seine Arbeit wurde in Artikeln der New York Times und Newsweek sowie in diversen Radioberichten vorgestellt. Will Hall studierte Prozessarbeit am Process Work Institute in Portland. Er ist heute als Psychotherapeut tätig.

Die Zusammenfassung bietet in elf Abschnitten einen Überblick über die zentralen Themen des Vortrags - die Bedeutung von Selbsthilfegruppen, den Umgang mit Medikamenten, die „Bewegung der Stimmenhörenden“ und Projekte der amerikanischen Selbsthilfebewegung.

TEIL 1: ÜBER DIE BEDEUTUNG VON SELBSTHILFEGRUPPEN

Austausch mit anderen Menschen
„Im Krankenhaus war es für mich sehr wichtig, andere Menschen zu treffen, die auch psychiatrische Diagnosen hatten und die versuchten, zu lernen damit umgehen. Und ich entdeckte, dass es eine richtige Bewegung von Menschen gab, die versuchten Alternativen zu finden, die sich für die Einhaltung von Menschenrechten einsetzten und die Selbsthilfegruppen gründeten. Als ich andere Menschen traf und frei über alles sprechen konnte - das war der wichtigste Schritt für meine Genesung (recovery). Ich begann, mich wirklich besser zu fühlen.“

Freedom Center
„Gemeinsam mit einem anderen Menschen habe ich eine Selbsthilfegruppe gegründet. Zuerst trafen wir uns einmal im Monat in einer Kirche. Und langsam wuchs die Gruppe: Wir trafen uns zweimal die Woche, dann wöchentlich. Dann bot ein Yoga-Lehrer kostenlose Yogastunden an. Das waren die Anfänge des Freedom Center. Ich habe das alles ehrenamtlich gemacht und es war der Beginn meiner eigenen Entwicklung. Später wurde ich Berater und unterrichtet auch – aber alles fing mit dieser kleinen Gruppe an.“

Vielfalt respektieren
„Unsere Gruppe war erfolgreich, weil wir die Idee der Vielfalt (diversity) konsequent verfolgten. Wir haben die psychischen Erfahrungen jedes Einzelnen respektiert und wir haben ein Forum gegründet, in dem Leute ihre Erfahrungen austauschen konnten. Dabei war wichtig, dass niemand anderer bewertet oder Lösungen vorgibt. Jeder sollte selbst entdecken, was ihm für die eigene Genesung gut tat.

Mehr Informationen über das Freedom Center: http://www.freedom-center.org

TEIL 2: UMGANG MIT MEDIKAMENTEN

Information über Medikation
Wir haben immer auch Menschen respektiert, die Medikamente eingenommen haben. Aber es kamen viele zu uns, die Fragen zu Medikamenten hatten und Information haben wollten, wie man Medikamente absetzen kann. Wir sahen, dass ÄrztInnen oft nicht wussten, wie Medikamente erfolgreich abgesetzt werden konnten. Häufig reduzierten sie die Medikamente zu schnell. Es gab also eine große Wissenslücke, die wir füllen mussten.

Leitfaden zur Schadensminderung zum risikoarmen Absetzen von Psychopharmaka (harm reduction guide)
In der Folge entwickelten wir einen Zugang, der die Schadensminderung (harm reduction) in den Mittelpunkt stellt. Das bedeutet, im Umgang mit der Medikation flexibel zu sein, langsam zu sein, verschiedene Möglichkeiten anzubieten. JedeR sollte seinen eigenen Weg finden können: Medikamente zu reduzieren, weiterhin Medikamente einzunehmen oder sie langsam ganz abzusetzen. Und  dann entschied ich mich, einen Leitfaden zu schreiben. Es gab bis zu 40 Leute, die mich dabei unterstützten. Dieser Leitfaden wurde in viele Sprachen – auch ins Deutsche – übersetzt. Viele KlientInnen haben diesen Leitfaden bisher verwendet, aber auch ÄrztInnen, Krankenschwestern/-pfleger, SozialarbeiterInnen ...

Vorgefasste Meinungen
Es gibt die vorgefasste Meinung, dass jeder psychisch beeinträchtigte Mensch Medikamente nehmen muss. Aber es gibt viele Menschen, denen es ohne Medikamente besser geht. Eine andere vorgefasste Meinung ist, dass, wenn jemand Stimmen hört, Selbstmordgedanken hat oder Ängste, es sich dabei um eine Funktionsstörung des Gehirns handelt und dass Medikamente die Chemie des Gehirns korrigieren. Doch auch das ist eine vorgefasste Meinung. Denn die wahren Gründe von Stimmenhören, Depression, Selbstmordgedanken etc. sind viel komplexer und in der Tiefe ihrer Entstehung eigentlich noch unbekannt. Es gibt kontroversielle Diskussionen darüber und noch keine schlüssige Theorie, wodurch diese Symptome grundsätzlich verursacht werden.

Unter http://www.theicarusproject.net kann der Leitfaden zum risikoarmen Absetzen von Psychopharmaka (Harm reduction guide) heruntergeladen werden.

TEIL 3: NEBENWIRKUNGEN VON MEDIKAMENTEN

Finanzielle Interessen der Pharmafirmen
Pharmafirmen machen großen Profit durch die zum Teil lebenslange Verschreibung von Medikamenten. Aus diesem Grund haben diese Firmen großes Interesse daran, dass jedeR von der Wirksamkeit der Medikamente überzeugt ist, auch davon, dass es keine Nebenwirkungen gibt und dass viele ein ganzes Leben lang bestimmte Medikamente benötigen. Aber es gibt auch alternative Forschung und kritische Denkzugänge, die jedoch normalerweise nicht veröffentlicht sondern unterdrückt werden. Unser Leitfaden dient auch dazu, dass diese gegenüber der Pharmaindustrie kritischen Meinungen an die Öffentlichkeit gelangen und bekannter werden.

Nebenwirkungen
Viele Menschen finden Medikamente hilfreich aber viele haben auch die Erfahrung gemacht, dass die Nebenwirkungen sehr unangenehm sein können. Ich kann mich an einen alten Mann erinnern, der die Diagnose Schizophrenie hatte und Selbstmord beging. Die ÄrztInnen waren der Meinung, dass der Grund für diesen Selbstmord die Unerträglichkeit seiner psychischen Erkrankung war. Doch wie ich von einem Mitpatienten erfahren hatte, litt dieser Mann an furchtbaren Nebenwirkungen. Aber niemand hörte ihm zu. Und diese Nebenwirkungen waren der eigentliche Grund, weshalb er sich das Leben nahm. Manchmal können die Nebenwirkungen also belastender als die eigentlichen Symptome sein.

Psychose als Nebenwirkung
Es kann auch vorkommen, dass Medikamente als Nebenwirkung Psychosen hervorrufen, und dieser Umstand ist sehr verwirrend. ÄrztInnen sagen dann meist, dieser psychotische Schub sei wegen der psychischen Grunderkrankung der PatientInnen aufgetreten und diese müssten unbedingt weiterhin ihre Medikamente einnehmen.


TEIL 4: REDUKTION VON MEDIKAMENTEN

Langsames Reduzieren von Medikamenten
Wenn Menschen schon lange Medikamente einnehmen, werden ihr Gehirn und ihr Körper davon abhängig. Wenn die Medikation abrupt abgesetzt wird, kann das Entzugserscheinungen hervorrufen. Das gleiche passiert z.B. auch, wenn man täglich Kaffee trinkt und man plötzlich damit aufhört. – Dann bekommt man Kopfschmerzen. Und diese Kopfschmerzen sind die Entzugserscheinungen. Gehirn und Körper hatten keine Zeit, sich an die Veränderung zu gewöhnen. Aus diesem Grund ist es besser, Kaffee langsam zu reduzieren. Dieses Prinzip gilt auch für das Absetzen von Psychopharmaka. – Man muss es langsam durchführen. Eine Empfehlung, die auch in unserem Leitfaden nachzulesen ist, ist die, dass alle zwei Wochen zehn Prozent der ursprünglichen Dosierung verrringert werden sollen. Meist muss man in die Apotheke gehen, um die Tabletten zermörsern und genau abwiegen zu lassen, damit exakt ein Zehntel weggelassen werden kann. Einfach eine halbe Tablette weniger einzunehmen, wie es häufig empfohlen wird, ist in den meisten Fällen ein viel zu großer Schritt!

Umgang mit veränderten Bewusstseins- und Gefühlszuständen
Eine weitere wichtige Grundregel ist, dass man während des Absetzens von Medikamenten veränderte Bewusstseins- und Gefühlszustände durchlebt, die manchmal auch sehr heftig sein können. Normalerweise hat man in solchen Zuständen immer Medikamente eingenommen. Nun muss man neue Wege finden, mit diesen veränderten Bewusstseins- und Gefühlszuständen umzugehen. Dafür gibt es viele unterschiedliche Möglichkeiten. Medikamente einzunehmen ist nicht die einzige Option.

Medikamente sind nicht die einzige Lösung
Ein anderer wichtiger Teil dieses Prozesses ist, dass Menschen ihre Medikamente als einzige Lösung betrachten. Wenn ich emotionale Probleme habe, muss ich einfach meine Medikamente erhöhen und das ist es, was mir helfen wird. Es ist wichtig, dass Menschen lernen, wie sie Unterstützung von anderen Menschen erhalten können – von ihren Freunden, von der Familie, von den Mitgliedern ihrer Selbsthilfegruppe. Es ist hilfreich, einen anderen Umgang mit seinen Emotionen zu erlernen, indem man über seine eigenen Gefühle spricht. In Selbsthilfegruppen erfährt man, wie andere mit bestimmten Zuständen umgehen: „Ich gehe laufen“ oder „Ich mache Yoga“, „Ich bin gern in der Natur“, „Für mich sind Tiere wichtig“ ... Und überhaupt am wichtigsten ist, sich nicht isoliert zu fühlen und zurückzuziehen sondern zu lernen, wie man sich mit anderen Menschen verbinden kann. Medikamente zu reduzieren bedeutet häufig, dass die anderen Möglichkeiten, wie man mit seinen emotionalen Zuständen umgehen kann, gestärkt werden.   


TEIL 5: ALTERNATIVEN ZUR REIN MEDIKAMENTÖSEN BEHANDLUNG

Besuch von Selbsthilfegruppen
Eine der wichtigsten Alternativen ist der Besuch von Selbsthilfegruppen. Dadurch ist der Austausch und die Unterstützung durch Menschen mit ähnlichen psychischen Erfahrungen möglich. Menschen, die einen religiösen Zugang haben, sehen ihre psychische Krise häufig auch als spirituelle Krise. Sie versuchen diese Krise anzunehmen und durch sie hindurchzugehen.

Psychotherapie
Psychotherapie ist eine weitere Alternative. In vergangenen Jahrzehnten, ungefähr vor 1980, wurde Psychotherapie viel häufiger auch während psychotischer Krisen angeboten. Seit einiger Zeit gibt es jedoch den Zugang, dass nur durch Medikamente unterstützt werden kann.

Systemische Familientherapie
Eine weitere Alternative ist die „Systemische Familientherapie“, in der die Familie als System gesehen wird. Die Person, die psychotische Symptome entwickelt, drückt damit nur Probleme aus, die im Familiensystem bestehen. Im Rahmen der Familientherapie wird versucht, der ganzen Familie zu helfen und dadurch auch jedem einzelnen Familienmitglied.

Rückzug und normaler Schlafrhythmus
Wenn man sich frühere Forschungsergebnisse ansieht, - vor 1970/1980 - , wird ersichtlich, dass viele psychotische Erlebnisse als vorübergehende Erlebnisse gesehen wurden. Das bedeutet, dass viele Probleme sich auch wieder von selbst lösen können, wenn eine gewisse Zeit verstreicht. Wenn Menschen in ein psychiatrisches Krankenhaus gehen, ist es auch wichtig, dass sie sich dort eine Zeit lang erholen können. Das kann den natürlichen Heilungsprozess unterstützen. Ein großer Vorteil eines stationären Aufenthalts ist, dass Menschen wieder einen normalen Schlafrhythmus bekommen. Denn sehr häufig ist Schlafentzug ein Auslöser für psychotische Krisen.

Bewegung bei Depression
In Großbritannien gibt es ein eigenes Programm, das sich mit dem Umgang mit „Depressionen“ auseinandersetzt. Früher war es so: Wenn jemand mit der Diagnose „Depression“ zum Facharzt ging, wurde ihm ein Antidepressivum verschrieben. Doch hier hat sich etwas verändert. Das erste, was FachärztInnen nun ihren PatientInnen verschreiben ist, dass sie körperliche Bewegung machen sollen.

Alternative Behandlungsmöglichkeiten
Da es keine Nebenwirkungen gibt, ermutige ich Menschen, verschiedene alternative Behandlungsmöglichkeiten auszuprobieren: Akupunktur, Akupressur, Homöopathie, Ernährungsberatung, Heilkräuter ... Da jeder Mensch anders ist, ist es wichtig selbst herauszufinden, was einem gut tut. Das Angebot von ganzheitlicher Medizin und alternativen Zugängen hat sich zum Glück in den letzten Jahren sehr erweitert.

TEIL 6: ANFÄNGE DER BEWEGUNG DER STIMMENHÖRENDEN (Hearing Voices Movement)

Entstehung der Bewegung
Die Geschichte der „Bewegung der Stimmenhörenden“ wurde durch den niederländischen Psychiater Dr. Marius Romme, der einen ausgeprägten humanistischen und sozialen Zugang zur Psychiatrie hatte, begründet: Ungefähr vor 20 Jahren kam eine Patientin namens Patsy Hague, die Stimmen hörte, zu ihm. Sein Zugang zu Beginn der Behandlung war der standardmäßige Zugang, dass er seiner Patientin klarzumachen versuchte, dass ihre Stimmen nicht „real“ – eine Halluzination – wären und sie ihnen nicht zuhören sollte. Patsy jedoch fand ihre Stimmen interessant. Die Stimmen verschwanden auch nicht während der Behandlung. Patsy war mit ihrem Arzt sehr unzufrieden. Und einmal während einer Behandlung sagte sie zu ihm: „Sie glauben an Gott, den Sie nicht sehen können. Warum können Sie nicht akzeptieren, dass ich an die Stimmen glaube, die ich höre?“ Und danach begann Dr. Romme seiner Patientin zuzuhören, was sie über ihre Stimmen berichtete: „Was sagen Ihnen Ihre Stimmen? Lassen Sie uns eine Unterhaltung mit Ihren Stimmen führen.“

Zu Gast in einer niederländischen Talkshow
Patsy war öfter im Krankenhaus und Dr. Romme beobachtete, dass es für seine Patientin erleichternd war, sich mit anderen Menschen zu unterhalten, die ebenfalls Stimmen hörten. Dieser Austausch schien ihr mehr zu bringen als die Gespräche mit ihm. Dr. Romme veränderte wirklich seinen Zugang und als Ergebnis ging es seiner Patientin besser.

Die beiden wurden in eine niederländische Talkshow eingeladen, um über verschiedene Behandlungen zu sprechen und darüber wie wertvoll es war, die eigenen Stimmen zu respektieren, ihnen zuzuhören, mit den Stimmen zu kommunizieren und die Erfahrung des Stimmenhörens anzunehmen. Am Ende dieser Talkshow wurden die ZuschauerInnen eingeladen, die TV-Station anzurufen, wenn sie selbst Stimmen hörten. Und es langten hunderte Telefonanrufe aus dem ganzen Land ein. Was wirklich interessant daran war, war der Umstand, dass die Mehrheit jener AnruferInnen keine Menschen waren, die die Diagnose Schizophrenie hatten oder die je in einem psychiatrischen Krankenhaus gewesen wären. Es waren auch viele Menschen dabei, die mit ihren Stimmen gar keine Probleme hatten. Die Stimmen waren ein normaler Teil ihres Lebens. Dr. Romme begann mit einer großangelegten Forschungsarbeit über die Erfahrung des Stimmenhörens. Ihm wurde bewusst, wie verbreitet und normal Stimmenhören sein kann. Und gleichzeitig wusste er, dass Stimmenhören in der Schulmedizin als wichtiges Leitsymptom betrachtet wurde, um jemanden mit Schizophrenie zu diagnostizieren.


TEIL 7: ENTWICKLUNG DER BEWEGUNG DER STIMMENHÖRENDEN (Hearing Voices Movement)

Zu Beginn bildeten sich in den Niederlanden und in Großbritannien Selbsthilfegruppen zum Thema „Stimmenhören“. (In Österreich gibt es seit 20 Jahren eine Gruppe für Stimmenhörende in Linz, die vom Verein „exit sozial“ gegründet wurde. Anm. d. V.) In den USA gibt es zur Zeit zwischen 30 und 40 Gruppen. Die Bewegung wächst sehr schnell.

Weltweit nehmen verschiedenste Organisationen und Gruppen an der Bewegung der

Stimmenhörenden teil. Es gibt jedes Jahr einen Kongress in einem anderen Land. 2011 fand er z.B. in Italien statt und es nahmen über 300 Personen mit unterschiedlichstem Hintergrund teil: Menschen mit psychischen Erfahrungen, Angehörige, PsychiaterInnen, TherapeutInnen, WissenschaftlerInnen.

Begonnen hat alles mit der Bewegung der Stimmenhörenden. Es geht mittlerweile jedoch nicht mehr nur um das Phänomen des Stimmenhörens, sondern um den Austausch über jedes außergewöhnliche psychische Erleben: um paranoide Erfahrungen, um selbstverletzendes Verhalten, um extreme Gefühlszustände usw.

Stimmenhören ist für viele Menschen normal
Die meisten Menschen, die Stimmen hören, sind keine psychiatrischen PatientInnen. Und sie leiden nicht darunter. Für sie ist es normal. Wenn jemand stirbt, gibt es eine Trauerphase. Und es kommt häufig vor, dass Hinterbliebene die Stimme des Verstorbenen hören. Auch wenn Menschen allein in der Natur sind, beginnen viele Stimmen zu hören. Sehr häufig hören Menschen Stimmen, wenn sie isoliert sind, bei Schlafentzug oder im religiösen Kontext.

Stimmenhören ist nicht nur eine medizinische Frage
Das Phänomen des Stimmenhörens ist nicht nur eine medizinische Frage. Es ist eine spirituelle Frage. Es ist eine moralische Frage. Es ist eine religiöse Frage und es ist eine kulturelle Frage. In den USA gibt es viele unterschiedliche Kulturen und religiöse Hintergründe. Wenn jemand mit indigenem Hintergrund zu einem Arzt kommt und mitteilt: „Ich bin von einem Geist besessen“ und der Arzt ihm entgegnet: „Sie sind schizophren“, kann das bedeuten, dass man die religiöse Freiheit dieses Menschen beschneidet. Für diese Person wäre es wahrscheinlich besser, wenn sie nicht zu einem Psychiater sondern zu einem Schamanen gehen würde.

Leidensdruck
Wichtig ist, immer auch zu unterscheiden, ob jemand aufgrund seiner Stimmen leidet oder ob jemand andere stört. Wenn jemand leidet, möchten wir einen Weg finden, wie wir dieser Person helfen können. Wenn jedoch jemand Ursache für die Störung anderer ist, gilt es Wege zu finden, wie man auf dieses Verhalten antworten kann.


TEIL 8: BEFREIUNGSBEWEGUNGEN

Irrtümer in der Geschichte der Psychiatrie
Wir sollten uns darüber bewusst werden, dass es in der Geschichte der Psychiatrie schon öfter Fälle gegeben hat, bei denen psychisches Erleben falsch verstanden wurde: Es war sehr verbreitet, dass Frauen als „hysterisch“ diagostiziert wurden, nur weil sie Konflikte mit ihren Ehemännern hatten oder durch andere Vorfälle traumatisiert wurden.

Vergleich mit Homosexuellen-Bewegung
Auch Homosexualität wurde in den USA im DSM* bis 1973 als psychische Krankheit betrachtet. Aber es war nicht so, dass PsychiaterInnen Forschung betrieben hätten und zur Ansicht kamen: „Homosexualität ist keine Erkrankung, wir haben da einen Fehler gemacht, wir werden das verändern.“ Sondern das was passierte, war, dass sich die Homosexuellen-Bewegung bildete - mit Protesten, Demonstrationen und dem Druck, dass sich die psychiatrische Diagnostik verändern sollte. Homosexualtiät wurde aus dem DSM als Kriterium für psychische Erkrankungen herausgenommen. Sobald dies geschah, gab es viele Psychiater, auch in bedeutenden Positionen, die sich zu ihrer Homosexualität offen bekannten.

In der Homosexuellen-Bewegung gab es immer mehr Forschung und es gibt auch zum Thema Stimmenhören immer mehr Studien, die belegen, dass Stimmenhören sehr verbreitet ist und dies nicht beweist, dass Stimmenhören automatisch ein Zeichen für eine psychische Krankheit ist.

Überarbeitung des DSM
Marius Romme machte einen Vergleich mit dem Phänomen des Stimmenhörens: Wenn es viele Menschen ohne psychiatrische Diagnosen gibt, die Stimmen hören und für die das normal ist, dann muss das Phänomen des Stimmenhörens aus der Liste der Symptome für psychische Störungen gestrichen werden.

DSM V wird demnächst erscheinen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass Stimmenhören als einziges Symptom für Schizophrenie und Psychose herausgenommen wird, was als ein Sieg für die internationale Stimmenhörbewegung gewertet werden kann.

*DSM: Abkürzung für„Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“; Diagnostisches und statistisches Manual von psychischen Beeinträchtigungen, das von der American Psychiatric Association veröffentlicht wird und die Standardkriterien für die Klassifizierung psychischer Beeinträchtigungen enthält.

TEIL 9: GRUNDREGELN FÜR GRUPPEN STIMMENHÖRENDER

Prinzipien der Gruppen für Stimmenhörende
Das Prinzip der Gruppen ist ein sehr einfaches: Es soll Raum für die Vielfalt psychischen Erlebens (mental diversity) gegeben werden. Die TeilnehmerInnen haben die Freiheit, den Grund für ihre Stimmen unterschiedlich auszulegen. - Eine Person kann der Überzeugung sein, dass ihre Stimmen aus religiösen Gründen zu ihr sprechen. Eine andere Person kann der Meinung sein, dass ihre Stimmen die Ursache in einem Trauma haben. Alle verschiedenen Perspektiven sind in der Gruppe willkommen und haben ihren Platz. Es ist den Menschen freigestellt, an ihre Stimmen zu glauben oder sie anzuzweifeln.

Eine weitere wichtige Regel ist, dass über die Erlebnisse einer anderen Person nicht geurteilt werden soll. JedeR ist eingeladen mitzuteilen, was für ihn real ist und es wird nichts infrage gestellt oder angezweifelt oder der Versuch unternommen, jemanden von einer anderen Ansicht zu überzeugen. Und viele Menschen, die zu diesen Gruppen kommen, sagen, dass es das erste Mal in ihrem Leben sei, wo sie offen über ihre Stimmen sprechen können.

Was ist real?
Es gibt viele Studien die belegen, dass viele Menschen an UFOs glauben. Viele Menschen haben Träume über Erlebnisse, die sich dann auch ereignen. Viele Menschen glauben an Reinkarnation oder daran, dass sie mit ihrem früheren Leben oder Geistern Kontakt aufnehmen können. Diese Annahmen sind völlig konträr zu den Überzeugungen der Wissenschaft. Aber es gilt zu hinterfragen, ob die Welt der Wissenschaft die einzig gültige Realitätsebene ist.

Was ist normal?
Wenn wir über Normalität sprechen, müssen wir uns eingestehen, dass wir eigentlich nicht wissen, was normal ist. Wenn eine Person psychotische Wahrnehmungen hat, wird sie als verrückt bezeichnet. Aber wenn hunderte Personen außergewöhnliche Wahrnehmungen haben, kann das der Beginn einer neuen religiösen Bewegung sein.
Aus diesem Grund spreche ich gern von der „Vielfalt psychischen Erlebens“ (mental diversity), damit sich der oft enge Bereich, was unter „normal“ verstanden wird, erweitern kann.


TEIL 10: HALTUNG GEGENÜBER MENSCHEN MIT PSYCHISCHEN BEEINTRÄCHTIGUNGEN

Unterschiedliche Einstellungen zur Erkrankung
Wenn man jemandem mitteilt: „Du bist krank, dir wird es nie besser gehen“ ruft das eine negative Erwartung hervor. Eine andere Haltung ist, wenn man eine Person ermutigt, durch ihre psychischen Erfahrungen hindurchzugehen und diese Erfahrungen als Teil des eigenen Lebens anzunehmen. Wenn das gelingt, schafft das eine positivere Erwartung, dass Dinge auch in Zukunft besser verlaufen werden.

Recovery
Zum besseren Verständnis des Begriffs „recovery“, kann man auch an Menschen denken, die z.B. ein Erlebnis mit einer großen Gewalteinwirkung - wie einen Autounfall - hatten. Es mag sein, dass diese Menschen sich von den Folgen dieses Unfalls nie mehr völlig erholen können. Aber sie finden im Idealfall zu einer Lebenshaltung, die ihnen eine gute Lebensqualität ermöglicht und einen guten Umgang mit sich selbst fördert.
Das Verständnis von „recovery“ erweitert die herkömmlichen Kategorien „geheilt“ oder „nicht geheilt“.

Isolation von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen
Die wirklich wichtigen Themen für mich im Zusammenhang mit psychischen Beeinträchtigungen sind Isolation und Einsamkeit. Die Gruppen für Stimmenhörende sind wirklich sehr wichtig, um Isolation überwinden zu können. Und auch in meinem recovery-Prozess war es von großer Bedeutung, um aus meiner Isolierung auszubrechen.


TEIL 11: PROJEKTE DER AMERIKANISCHEN SELBSTHILFEBEWEGUNG

Madness Radio
Ich engagiere mich auch bei einer Radioshow, die Madness Radio heißt. Es gibt über hundert Interviews, die man gratis herunterladen und sich anhören kann. Es sprechen viele Menschen über ihre Erfahrungen mit Stimmenhören, aber auch Menschen, die sich immer wieder selbst verletzen, Menschen, die mit ihren paranoiden Wahrnehmungen kämpfen oder Menschen, die das DSM kritisieren.

mehr Information über Madness radio: http://www.madnessradio.net

Icarus Project
Dieses Projekt habe ich früher mitgeleitet und bin heute noch daran beteiligt. Das Projekt möchte vor allem junge und alternative Menschen, Punks, KünstlerInnen, MusikerInnen ... zusammenbringen. Der Name für dieses Projekt wurde nach der bekannten Geschichte aus der griechischen Mythologie gewählt. Denn es ist ein großartiges Geschenk, fliegen zu können – man kann aus seinem eigenen Gefängnis ausbrechen. Doch man muss mit der Gabe des Fliegens weise umgehen. Man muss lernen, nicht zu hoch und nicht zu tief zu fliegen. Das Icarus Projekt existiert vor allem als eine online-community. Es gibt große Diskussionsforen. Leute sprechen über alle möglichen Themen – z.B. wie es ihnen gelingt, mit seltsamen Erlebnissen umzugehen. Dieses Forum wird von Menschen mit Diagnosen genützt, von ProfessionistInnen, von Angehörigen. Menschen, die sehr isoliert leben, empfehle ich, diese Seite aufzusuchen, um so in Kontakt mit anderen Menschen zu kommen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

mehr Information über Icarus project: http://www.theicarusproject.net

ABSCHLIESSENDE BOTSCHAFT
Trotz meiner oft kritischen Haltung ist es mir wichtig darauf hinzuweisen, dass ich die Schulmedizin oder PsychiaterInnen nicht als mein Feindbild sehe, sondern ein Prinzip meiner Arbeit ist, dass ich wirklich Brücken bauen und zusammenarbeiten möchte, damit bessere Behandlungsmöglichkeiten für psychisch beeinträchtigte Menschen geschaffen werden können.

 

LINKS:

Will Hall: http://www.willhall.net
Internationale Plattform für Stimmenhörende: http://www.intervoiceonline.org/
Österreichische Gruppe für Stimmenhörende: http://www.stimmenhören.at

GFSG Gesellschaft für seelische Gesundheit


Im Rahmen seines Graz-Aufenthaltes fand auch ein Workshop mit Will Hall statt und zwar in den Räumlichkeiten des PSZ-Ost Plüddemanngasse. TeilnehmerInnen waren ProfessionistInnen, Betroffenen und auch betroffene ProfessionistInnen.

Hier finden Sie einen Bericht über diesen Workshop > >

DRUCKEN SITEMAP IMPRESSUM