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LEKTÜRE

Hilfe, meine Freundin ist depressiv. Zwischen Mitgefühl und Wut

"Nach ca. einem halben Jahr inniger Freundschaft kam Claras (Name geändert) anderes Gesicht zum Vorschein. Die Depression (von der wir beide nicht wussten, dass es eine ist) hatte sie zum ersten Mal, seit ich sie kannte, fest im Griff." ... Erfahrungsbericht einer Angehörigen.
Wahre FreundInnen  hat man nicht mehr als eine Hand Finger zählt, sagt man, sie begleiten dich über einen längeren Zeitraum, idealerweise durch dick und dünn, egal was passiert. Manchmal trennen sich die  Lebenswege,  einfach weil die Interessen auseinanderdriften oder weil andere Ereignisse wie Familiengründung, Berufswechsel, Krankheit, Pension etc. dem Leben eine neue Richtung geben. Manchmal sind es auch unüberwindbare Konflikte, die eine Freundschaft jäh beenden. Oder man verliert sich langsam, aber sicher irgendwann aus den Augen.  Das ist nur natürlich. So betrachtet kann ich insgesamt schon auf weit mehr als fünf beste FreundInnen zurückblicken und ich tue das voller Dankbarkeit und liebevoller Gefühle. Hat doch jede/r mein Leben mit neuen Erfahrungen bereichert. Aber bei der Rückschau ist mir auch etwas aufgefallen, wofür ich keine rechte Erklärung finde. Etwas, was  mich ein bisschen nachdenklich stimmt.
Weit mehr als die Hälfte meiner FreundInnen hat oder hatte zumindest phasenweise an Depressionen oder anderen psychischen Störungen zu leiden. Immerhin in einem Ausmaß, das die Einnahme von Psychopharmaka unumgänglich macht(e).

Die Vorzüge meiner SpezialfreundInnen  lassen sich schnell aufzählen: Man kann mit ihnen tiefgründige Gespräche führen, sie sind intelligent und sensibel, auf eine besondere Weise kreativ oder sogar hochbegabt, sie sind einfach anders als die anderen. Und deshalb alles andere als langweilig. Für mich Grund genug, sie zu mögen, sie sogar zu lieben. Vor allem, wenn man wie ich Oberflächlichkeit verabscheut und mit sogenannten erfolgs- und leistungsorientierten Menschen nicht so kann. Irgendwas verbindet mich also offensichtlich mit diesen besonderen Wesen. Vielleicht ist es neben den genannten Vorzügen auch der unwiderstehliche Charme der Scheiternden, denn wer will schon einen perfekten Menschen zum Freund haben? Das eigene Scheitern lässt sich doch gleich leichter ertragen, wenn man die richtigen Freunde hat. So weit, so gut.

Wäre da nicht die Kehrseite der Medaille – verdeutlicht am Beispiel meiner lieben Freundin Clara (Name geändert), die ich nun seit etwa  12 Jahren kenne. Wir begegneten uns  erstmals bei einem Sprachkurs, fanden uns sofort  ziemlich sympathisch – kein Wunder, wir hatten auch einiges gemeinsam: zwei Alleinerzieherinnen, beruflich im Umbruch, um nicht zu sagen vor dem Ruin, perfektionistisch angehaucht, kreativ, aber unmotiviert, systemkritisch … die Reihe der Gemeinsamkeiten ließe sich noch lange fortsetzen. Aber das tut hier nichts zur Sache.

Nach ca. einem halben Jahr inniger Freundschaft kam Claras anderes Gesicht zum Vorschein. Die Depression (von der wir beide nicht wussten, dass es eine ist) hatte sie zum ersten Mal, seit ich sie kannte, fest im Griff. Und damit wurde unsere Freundschaft hart auf die Probe gestellt. Wenn Clara in ihr sprichwörtliches Loch fiel, brachte sie mich zur puren Verzweiflung, sie konnte mir die Laune gründlich verderben, mich schlaflose Nächte kosten, sie brachte etwas in mir hervor, was ich sonst lieber unter Verschluss hielt: Wut und Mitleid, Angst und Ohnmachtsgefühle . ES (was ist das eigentlich?) kam aus heiterem Himmel, als hätte sie einen dunklen Umhang umgeworfen, der nichts durchdringen lässt. Kein Licht, kein Lüftchen, keinen hoffnungsvollen Gedanken. Zwischen Claras Augenbrauen entstand dann diese tiefe Furche, die sie um Jahre älter machte, ihre Lippen wurden schmal und blass, eine düstere Aura umgab sie (vielleicht lag´s auch an ihrem exzessiven Zigarettenkonsum), kurz: Sie verwandelte sich in einen Menschen, dem man lieber aus dem Weg geht.  Was ich als treue Freundin aber unbedingt vermeiden wollte und mich stattdessen intensiv um sie bemühte – und dabei alles richtig machen wollte: Ich vermied gute Ratschläge (das weiß man schließlich), verglich nicht mit anderen schwierigen Schicksalen (schon gar nicht mit meinem eigenen),  nervte sie nicht mit positiven Sprüchen (das ist ja auch verpönt).  Aber in irgendeiner Weise musste ich ja reagieren, nichts zu tun, erschien mir noch unerträglicher. 

Theoretisch wusste ich ja, wie es geht: Zeit nehmen, Zuhören, ernst nehmen, liebevoll bleiben.  Aber das fiel zeitweise verdammt schwer.  Ich ertrug das gebetsmühlenartige Lamentieren über Gott, die Welt  und ihren angeblichen Seelenpartner nicht mehr, mir drehte es den Magen um bei diesen ständigen  Wiederholungen, wenn sich alles nur noch um ihre miserable Befindlichkeit drehte. Ja, es gab Situationen, da wollte ich sie ehrlich gesagt am liebsten schütteln und ihr ins Gesicht schreien, sie möge doch einfach einmal dankbar sein, es gäbe 1000 Gründe, dem Leben etwas Positives abzugewinnen. Millionen Menschen existieren auf dieser Erde, denen es schlechter geht, und überhaupt: Wir sind  von Wundern umgeben, man muss sie nur sehen! Aber Depressive sind in ihren schlimmen Phasen anscheinend blind. Clara verharrte in ihrem inneren Gefängnis.  Und dabei hatte sie eine für Depressive untypische Eigenschaft, sie zog sich nicht zurück, nein, sie  konfrontierte ihr Umfeld auf äußerst heftige Weise mit ihren Problemen. Soll ja gesund sein, wenn man nicht alles in sich hineinfrisst, sie kotzte es jedenfalls heraus und die nächsten, liebsten Menschen kriegten am meisten von der üblen Sache ab.

Im Nachhinein betrachtet war diese Zeit unglaublich lehrreich für uns beide. Ich begriff bald, dass es keinen Sinn macht, nach außen geduldig und lieb zu sein, aber innerlich am Rande des Nervenzusammenbruchs zu stehen,  erkannte meine Unfähigkeit, mich zur rechten Zeit abzugrenzen. Clara brachte mir indirekt auch bei, zu meinen eigenen Gefühlen wie Wut oder Angst zu stehen, was mir bis dato sehr schwer fiel. Ich werde nie vergessen, wie mir einmal der Kragen platzte, wie sie bei einer Vernissage mit ihren grundnegativen und zynischen Bemerkungen die schöne Stimmung zum Kippen brachte. Damals war ich das erste Mal fähig, ihr ins Gesicht zu sagen, dass ich sie zwar gern mag und sie auch mit ihren seelischen Problemen annehmen kann, dass ich aber nicht mehr bereit bin, ihr destruktives Verhalten gutzuheißen. Kurz gesagt, ich brauchte zum Ausdruck, dass es mir reicht. Der Abend war natürlich gelaufen, ich konnte nicht einmal mehr mit einem alten Freund plaudern, den ich sehr mochte und schon lange nicht mehr gesehen hatte. Ich war sauwütend und schwor mir, sie nie wieder wohin mitzunehmen.

Clara war ganz schön zerknirscht, mein ungewöhnliches Verhalten hat sie offenbar verwirrt und aus ihrer Bahn geworfen. Ich spielte auf einmal eine andere Rolle als die der geduldigen Freundin. Ich war streng, zumindest ich selbst nahm mich so wahr. Es folgte eine Freundschaftspause, die aber nicht lange anhielt, denn wir beide haben die Eigenschaft, nicht nachtragend oder vergangenheitslastig zu sein.

Es dauerte nicht lange, da begann Clara nach anfänglicher Skepsis und wahrscheinlich verborgenen Ängsten eine Gesprächstherapie, ihre Therapeutin war es auch, die ihr dann den Gang zum Psychiater empfahl. Dieser fand offenbar schnell den richtigen Ton bei Clara. Sie fühlte sich respektvoll behandelt, obwohl er ihre Depression deutlich und schonungslos ansprach.  Er überzeugte sie davon, eine Zeitlang  Psychopharmaka auszuprobieren, was allerdings erst beim zweiten oder dritten Medikament die erhoffte Wirkung erzielte. Fast ein Wunder, wenn man bedenkt, dass Clara vorher nichts als vernichtende Kritik für konventionelle Therapien und vor allem die Psychiatrie übrig hatte.

Seither hat sich einiges verändert. Clara hat eine Arbeit bekommen, die ihren Fähigkeiten entspricht, ist inzwischen umgezogen in ein Umfeld, wo sie sich wohlfühlt, auch familiär hat sich sehr viel getan. Sie hat jetzt weniger Zeit, aber wenn wir uns sehen, ist eine tiefe Verbindung und Herzlichkeit spürbar, die ich früher in der Form nicht erlebt habe. Als sie damals nach den ersten paar Wochen Gesprächstherapie und Einnahme von Psychopharmaka ihr „altes“ Lächeln wiedergewonnen hatte und ihr scharfsinniger Humor (und nicht Zynismus) zurückgekehrt war, ertappte ich mich dabei, wie ich für den Psychiater so etwas wie Dankbarkeit empfand, was noch ein paar Monate vorher undenkbar gewesen wäre. Denn auch ich war vorurteilsbehaftet, vor allem was die zu rasche Verschreibung von Medikamenten betrifft. Am Beispiel meiner Freundin habe ich erstmals erlebt, wie man Lebensqualität zurückgewinnen kann, wenn man wirklich ernsthaft an sich arbeitet und sich dabei – wenn nötig – auch unterstützen lässt von Medikamenten. Derzeit ist Clara dabei, das Medikament vorsichtig auszuschleifen, natürlich in Absprache mit ihrem Arzt. Sie hat immer noch Phasen, in denen es ihr nicht so gut geht , aber sie hat deutlich Boden gewonnen, ist äußerst reflektiert und spürt sehr genau, was sie braucht, ob es ein Verwöhnprogramm ist, das sie sich selber mal gönnt, oder auch Unterstützung von außen.

Ich wünschte, alle meine Lieben würden den für sie richtigen Weg finden, ich für meinen Teil habe durch die sehr unterschiedlichen Lebensmodelle meiner FreundInnen und Bekannten einen vorsichtig optimistischen Zugang zum Thema psychische Erkrankungen gewonnen, wohl wissend, dass in einigen Fällen die lebenslange Einnahme von Psychopharmaka unumgänglich ist. Egal wie wir unser Leben meistern, Hauptsache, wir nehmen es als unser Leben an, ob es eher „ver-rückt“ oder doch „normal“ ist. Aber was ist schon „normal“?
(Betroffenenbericht von Lilly M.; der Name wurde von der Redaktion geändert; er gibt keinen Rückschluss auf den wirklichen Namen der Verfasserin des Beitrages.)


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