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LEKTÜRE

BUCHBESPRECHUNG "Der jüdische Patient"

„Ich hasse mich“, mit diesem ersten Satz wird man gleich direkt hineingeworfen in Oliver Polaks fucking Leben. Verzeihen Sie die Ausdrucksweise, Herr Polak hat mich mit seiner schonungslos direkten, aber auch grenzwertigen Sprache ein wenig infiziert. However, Oliver Polak geht es wirklich sehr, sehr dreckig. Der Beweis: er begibt sich freiwillig in die Psychiatrie.

„Ich hasse mich“, mit diesem ersten Satz wird man gleich direkt hineingeworfen in Oliver Polaks fucking Leben. Verzeihen Sie die Ausdrucksweise, Herr Polak hat mich mit seiner schonungslos direkten, aber auch grenzwertigen Sprache ein wenig infiziert. However, Oliver Polak geht es wirklich sehr, sehr dreckig. Der Beweis: er begibt sich freiwillig in die Psychiatrie. Es hilft ihm nämlich gar nichts, Deutschlands erster jüdischer Stand-up-Comedian zu sein oder wie er selber sagt, der „Holocoust-Clown“. Auch sein Erfolg als Bestsellerautor („Ich darf das, ich bin Jude“) kann das „innere große Loch“ nicht zustopfen, er versucht es mit Drogen, Alkohol und Sex, mit Provokation und Zynismus, aber damit ruiniert er seine verletzte Seele gleich noch mehr.  Diagnose: Depressionen, Burn-out, Angststörungen.

Nach acht Wochen Psychiatrie scheint Oliver Polak langsam, aber sicher wieder Boden zu gewinnen, anfangs ergibt er sich noch in Hasstiraden, z.B. gegen „diese unlustigen deutschen Komiker, die ihren verkackten Job nicht erledigen“, er spricht von „humorlosen Arschlöchern“, „verfickten Angstinfusionen“ und leider kommen dann noch unangenehme Themen wie Onanie, Pädophilie und Rassismus hoch. Als Leser ist man zeitweilig versucht, die Lektüre wegzulegen, aber dann kommen unerwartet anrührende und fast liebevolle Seiten des Herrn Polak zum Vorschein. So outet er sich als Udo-Jürgens-Fan der ersten Stunde, er schenkt ihm bei einem Konzert sein Buch, was in weiterer Folge in einem freundschaftlichen gemeinsamen Mittagessen mündet. Und natürlich spielt die jüdische Herkunft und die tragische Familiengeschichte eine wesentliche Rolle in Polaks von Melancholie geprägtem Leben.

Während der Psychodrama-Sitzungen mit der großartigen Frau Mann wird er schon mal demütig und klein. Dann übertreibt er gleich wieder. „Polak, du krankes, kaputtes, widerliches Schwein!“ Aber sein „weißer flauschiger Udo-Jürgens-Bademantel“ macht immer wieder einen Menschen aus ihm. Und nicht nur das. Die Schicksale der anderen Patienten gehen nicht spurlos an ihm vorüber und insgesamt ist Dr. Grünzweig und seinem Team etwas gelungen, was selbst Hr. Polak nicht erwartet hatte. Er ist am Ende „wieder neugierig geworden, zwar immer noch angeschwächelt“, aber „mit einer vorher noch nie gefühlten Kraft“ in sich.

Und außerdem ist da noch Sunny, Polaks zeitweilige Freundin, die in ihm aufrichtige Gefühle weckt. Seit dem Klinikaufenthalt nimmt Oliver Polak auf Empfehlung von Dr. Grünzweig ein Antidepressivum und macht begleitend dazu eine Gesprächstherapie. Das lässt hoffen.

REZENSION: Ruth Scheuer


Oliver Polak
„Der Jüdische Patient“
ISBN 978-3-462-04704-2,
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, € 10,30


ÜBER DEN AUTOR:
Oliver Polak, geboren in Papenburg im Emsland, war Moderator bei Viva, Schauspieler (u. a. Das Leben ist zu lang von Dani Levi) und Schlagzeuger der
Band Sternzeit. 2008 erschien sein Buch "Ich darf das, ich bin Jude" (KiWi 1070). Er lebt als Stand-up-Comedian in Berlin. Seine aktuelle Show heißt Krankes Schwein.Zur Behandlung seiner Depressionen verbrachte er acht Wochen in einer Psychiatr
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