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LEKTÜRE

Die Sucht des anderen hat auch mich fest im Griff. Ein Erfahrungsbericht

"Jeder, der sich einem Süchtigen zugehörig fühlt, gerät selbst in den Sog der Abhängigkeit." Seit meinem zehnten Lebensjahr bin ich Co-abhängig. Meine Mutter litt an einer Alkohol- und Beruhigungsmittelsucht. Ich glaubte, ihr Problem durch Kontrolle bewältigen zu können und schlich ihr Tag und Nacht hinterher. Je nach Zustand der Mutter war ich wütend oder mitleidig. Und ich hatte starke Schuldgefühle. Als Erwachsene litt ich dann selbst einige Jahre unter Alkoholmissbrauch. Mit 21 kam die große Liebe. .....
..... Recht bald entpuppte der Mann sich ebenso als abhängig, von Alkohol, aber auch illegalen Substanzen. Wie nicht anders zu erwarten, verhielt ich mich so, wie ich es in meiner Kindheit gelernt hatte. Sein Sucht- und mein Kontrollverhalten belasteten unsere Beziehung schwer. Trotzdem blieben wir zusammen. Im Laufe der Zeit bekamen wir zwei Kinder. Das ältere, ein Sohn, begann mit 13 Jahren Drogen zu konsumieren und wurde süchtig. Er ist heute, mit 27 Jahren, schwer suchtkrank. Theoretisch weiß ich, was zu tun wäre. Ich müsste auf mich schauen, mich abgrenzen, starke Grenzen aufzeigen und wenn alles nichts nützt, den Beziehungsabbruch in Erwägung ziehen. Stattdessen bewege ich mich zwischen Kontrolle und Loslassen, Härte und Nachgiebigkeit, zwischen Verharmlosung und Übertreibung hin und her und mache mich in den Augen meines Kindes und vor allen anderen damit lächerlich. Die Sucht hat auch mich fest im Griff. Ich bin Co-abhängig und daher ebenso krank. Meistens liegt ein Schatten über mir und hält meine Lebensfreude in Grenzen, dann belastet Sorgensäure meinen Magen und endlose Sorgenketten machen sich in meinem Kopf breit. Aber manchmal hilft mir ein Ausstiegsszenario aus diesem Suchtschlamassel: Ohne Vorankündigung, nur mit Pass und Visacard ins nächste Flugzeug zu steigen und für zehn Jahre irgendwo, weit weg, unterzutauchen. Diese Phantasie holt mich für kurze Zeit aus meiner Co-Abhängigkeit. Denn eines ist sicher, das Leben wird da wie dort weitergehen, mit mir und ohne mich.

Verfasserin: Marion W. (Zum Schutz der Angehörigen wurde der Name der Verfasserin des Erfahrungsberichtes von der Redaktion geändert.)


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Foto: Graffiti auf einem Rolltor in Barcelona. (c): red.a



--> Selbsthilfe bei Co-Abhängigkeit:
Al-Anon Familiengruppen

Al-Anon Familiengruppen sind Selbsthilfegruppen für Menschen mit alkoholkranken Angehörigen und Freunden. Sie arbeiten wie die Anonymen Alkoholiker mit dem sehr hilfreichen 12 Schritte Programm. Es geht darum, sich aus der Coabhängigkeit zu befreien und auf das eigene Leben zu konzentrieren, egal ob der Angehörige noch abhängig ist oder nicht.
Link: http://www.al-anon.at/

--> Al-Anon Gruppentreffen in Graz:
jeden Donnerstag, von 19.00 bis 21.00 Uhr, im PSZ Graz-Ost, Hasnerplatz 4.Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

--> Broschüre zum Thema Co-Abhängigkeit:
Angehörige: Die Abhängigen von Abhängigen
zum Download > >

--> Profil-Interview mit Nora Volkow (Suchtexpertin aus den USA)
"Chronische Suchtverhalten ist keine Charakterschwäche sondern geht auf eine Erkrankung im Gehirn zurück"...
zum Interview > >
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