achterbahn

Die Corona-Krise ... und wir? - 02: Michaela W.

Michaela W.
Rückfall mit Ausblick

Der Mensch kann auf vieles verzichten, nicht aber auf die Begegnung mit anderen. Leider überwiegt seit Mitte März, dem Beginn der Corona-Krise, der Verzicht. Begegnung ist nur mehr sehr eingeschränkt möglich. Der Verein Achterbahn musste, wie viele andere Institutionen auch, seine Pforten für Betroffene komplett schließen, um die Ausbreitung der Erkrankung einzudämmen. Alle Strukturen für psychisch Erkrankte, die sie bis dahin im Alltag aus ihrer Isolation führten, sind bis auf weiteres und ohne Ablaufdatum weggebrochen. So sind viele Betroffene auf sich selbst zurückgeworfen mit gravierenden Auswirkungen, die wir heute noch gar nicht abschätzen können.

Ja, es gibt gewisse Überbrückungshilfen, an die wir uns alle klammern. Um diese aufzubauen, sind die modernen digitalen Medien ein Segen. Allerdings verfügt nicht jeder über die dafür notwendige technische Ausrüstung. Das ist besonders schwerwiegend, wenn Menschen mit psychischen Problemen dadurch nicht entsprechend erreicht, unterstützt und begleitet werden können, sich ihre Erkrankung schlimmstenfalls verschlechtert. Die momentane Lage, unter der wir alle mehr oder weniger leiden, zeigt auf, wie fragil unsere Gesellschaftsstrukturen eigentlich sind. Es wird vermutlich für jeden von uns eine Herausforderung sein, diese Erkenntnis anzunehmen und damit entsprechend umzugehen.

in der Corona-Krise gibt es wie in jeder Krise Gewinner und Verlierer. Wenn ich das auf die psychische Befindlichkeit umlegen darf, geht es manchen durch die Krise plötzlich besser, andere wiederum leiden darunter, weil sich ihr psychischer Zustand destabilisiert oder verschlechtert. 

Die Corona-Krise hat mich im ersten Moment ein paar Schritte in Richtung Angststörung zurückgeführt, in längst vergessene Gefilde der Angst, einer Angst die weder überlebenswichtig noch zielführend, aber extrem belastend und einschränkend ist und sogar lebensbedrohlich werden kann. Wie früher erschien es mir in den ersten Tage vor allem am Morgen nach dem Aufwachen, als hätte mein Körper über Nacht im Bett Wurzeln geschlagen, um mir das Aufstehen zu erschweren. Parallel dazu sprang in meinem Kopf ein altbekanntes Gedankenkarussell an: „Wozu aufstehen? Für wen oder was?“ Nachdem Gedanken Gefühle erzeugen, machten sich damit ungehindert Beklemmungs- und Panikgefühle in mir breit. Dieses Szenario wiederholte sich in den ersten Tagen der - wie es so schön heißt - von oben verordneten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus, immer wieder verlässlich zur selben Zeit. Durch diese Erfahrung  habe ich darüber nachgedacht, wie ungeduldig ich in der Vergangenheit manchmal beim Gespräch mit Betroffenen in den Selbsthilfegruppen war, weil einige trotz Erfahrungsaustausch und professioneller Hilfe einfach keinen Weg aus der Angstspirale finden konnten. Die eigene Genesung und der damit verbundene, zunehmende Abstand zur eigenen psychischen Erkrankung führten bei mir offensichtlich dazu, dass meine Empathie und mein Verständnis für andere Betroffene sank. 

Meine Meditations- und Achtsamkeitspraxis, die ich seit einiger Zeit regelmäßig praktiziere und in der Achterbahn-Bewegungsgruppe* anleite, hat mich recht schnell und nachhaltig von dem coronakrisenbedingten Morgentief befreit. Inzwischen habe ich mich in die aktuellen Gegebenheiten recht gut eingelebt. Ich kann aber sagen, dass mich der „Rückfall in die Nähe meiner psychisch krisenhaften Zeiten“ dazu gebracht hat, mich damit auseinanderzusetzen, wie ich bei meiner Arbeit als Erfahrungsexpertin bisher mit Betroffenen kommuniziert habe und was ich für künftige Begegnungen ändern möchte. Ich habe, vielleicht im Vergleich zu anderen recht spät erkannt, dass der Fokus beim Erfahrungsaustausch zwischen Erfahrungsexpertin oder -experten und aktuell Betroffenen nicht darauf gelegt werden sollte, im anderen etwas zu bewirken, sondern vielmehr darauf, ihm in seiner Welt zu begegnen und ihn ein Stück zu begleiten, ohne zu bewerten und komplett absichtslos. Alles andere stellt uns auf eine Stufe, wo Begegnung auf Augenhöhe nicht mehr stattfinden kann, die Kernkompetenz von uns Erfahrungsexpertinnen und -experten.

 

Über die Verfasserin:
Michaela Wambacher hat eigene Erfahrungen mit psychischer Erkrankung. Sie ist Gründungsmitglied im Verein Achterbahn und seit Vereinsgründung im Vorstand tätig. Seit 2014 ist sie Obmann-Stellvertreterin und in der Geschäftsführung für Öffentlichkeitsarbeit und Projektmanagement zuständig. Um den Kontakt zu den Betroffenen und deren Anliegen und Bedürfnissen nicht zu verlieren, führt sie auch Beratungsgespräche durch, leitet einmal monatlich die Frühstücksrunde im Achterbahn Klubhaus Graz und wöchentlich die Bewegungsgruppe im Vereinsbüro.

*) Achterbahn-Bewegungsgruppe: TERMINHINWEIS:
Die Bewegungsgruppe findet in der Corona-Krise bis auf weiteres immer donnerstags ab 11.00 Uhr ONLINE statt. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte telefonisch an
M 0680 / 300 10 20 oder per eMail an office@achterbahn.st