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LEKTÜRE

Die Corona-Krise ... und wir? - 03: Ina P.

Ina Plattner
Lebenselixier Kreativität

Insbesondere in dieser Zeit des „heruntergefahrenen Systems“ wird mir wieder bewusst, in welch rasant schneller Welt wir uns sonst bewegen. Stets von Effizienz und Konkurrenzkampf getrieben, müssen wir am Ball bleiben, schnell sein, die anderen zurücklassen. Jetzt, wo etwas Ruhe einkehrt, drängt sich mir gerade dieser Gedanke recht häufig auf. Das Gefühl des stetigen Wettkampfes und des Zurückgelassen-Werdens in einer schnelllebigen Welt voll verlangter „Effizienz“ hatte ich in meinem bisherigen Leben sehr oft:
Das Bewusstsein, zu langsam zu sein, zu wenig effizient und Wettkampf orientiert, ist mir ein treuer Begleiter, der mir insbesondere nach zwei Studienwechseln ein sehr enger Vertrauter wurde.
Ich komme aus dem pädagogischen Bereich, bin Kulturanthropologin und hobbymäßige Schriftstellerin, Zeichnerin sowie gelegentlich Sängerin. Als Mensch, der Kreativität sehr zugewandt ist und sich neben dem Engagement im Verein Achterbahn am liebsten dem Schreiben und Zeichnen zuwendet, bin ich die Frage, wann ich denn endlich einmal etwas „Anständiges“ machen möchte, bereits gewohnt. Dabei bemerke ich gerade in Zeiten wie diesen, wie „anständig“ es doch ist, sich für Betroffene mit psychischer Belastung und Beeinträchtigung einzusetzen, diesen Personen eine Plattform zu bieten und Menschen mit Geschichten oder anderen kreativen Produkten den aktuell für einige recht grauen Alltag zu erhellen.

Ich bin selbst Betroffene und Co-Betroffene von Depressionen, was unter anderem meine Motivation war, 2014 das Atelier Achterbahn ins Leben zu rufen. Eine Gruppe, die frei von Altersbeschränkungen Menschen möglichst niederschwellig die Möglichkeit gibt, sich kreativ „auszutoben“, sich mit anderen Menschen mit psychischer Belastung auszutauschen, wie auch gemeinsam zu kochen und zu essen. Ein geschützter Rahmen, der einen offenen Umgang mit leider nach wie vor gesellschaftlich tabuisierten Themen im Umkreis psychischer Erkrankung ermöglicht. Es war ein Glücksfall, dass das Atelier, in dem viel Herzblut steckt, in den Räumen des Vereins Achterbahn ein „Zuhause“ gefunden hat und sich mittlerweile am Besuch vieler TeilnehmerInnen erfreut.

Leider musste auch das Atelier mit Beginn der Ausgangsbeschränkungen im März seine Pforten vorübergehend schließen. Um den Menschen zu zeigen, dass das Atelier Achterbahn – wenn auch nur in virtueller oder telefonischer Form – nach wie vor für sie da ist, betrieb ich in den ersten Wochen der Ausgangsbeschränkungen den Social-Media-Auftritt meiner Gruppe besonders aktiv. Zugleich erarbeiteten wir die Installation des „Virtuellen Ateliers Achterbahn“.

Obwohl wir mittlerweile ein virtuelles Gruppenangebot entwickelt haben, kann dies natürlich auch lediglich eine Übergangslösung, beziehungsweise ein mögliches zusätzliches Angebot der Achterbahn sein. Nichts ersetzt schließlich direkte zwischenmenschliche Interaktion.
Zudem schließen Gruppen per Videochat Personen aus, die nicht über die nötigen technischen Voraussetzungen verfügen, was vor allem auf TeilnehmerInnen des Vereins Achterbahn mit besonders geringen finanziellen Mitteln zutrifft. (Nichts desto trotz sind wir natürlich froh, unser Gruppenangebot über diesen Kanal weiter laufen lassen zu können!)

Künstlerischer Ausdruck, egal, ob nun konsumiert oder von einem selbst ausgehend, erscheint mir besonders in der aktuellen Situation als ein Lichtblick, als Anregung und Beflügelung der Fantasie, wenn wir uns körperlich zur Zeit auch am besten zu Hause aufhalten sollten. Was gibt es befreienderes, als in ein eigenes Projekt einzutauchen oder in von anderen geschaffene Welten zu „entfliehen“, um den Alltag für wenige Stunden außen vor zu lassen?
Ich frage mich, was wäre diese Krise mit all ihren Ausgangsbeschränkungen ohne kreatives Schaffen? Die Situation zeigt uns, wie wichtig KünstlerInnen – SchriftstellerInnen, MusikerInnen, ZeichnerInnen, FilmemacherInnen und viele mehr – in dieser Zeit sind. Sie zeigt uns, wie unabdingbar menschliche Interaktion ist und welche neuen Kanäle diese für sich findet, wie wichtig Plattformen zum persönlichen Austausch, vor allem für Menschen mit psychischer Belastung sind, die in dieser Zeit mitunter vermehrt unter Isolation leiden. Es wird uns aber auch vor Augen gehalten, dass kreativ Schaffende unser aller Leben bereichern, uns Zerstreuung, Trost und Ausgleich schaffen.

Vielleicht kommt es auch bald in der breiten Gesellschaft an, KünstlerInnen und kreative Angebote wie das Atelier Achterbahn als „etwas Anständiges“ anzusehen, mehr wertzuschätzen – und das nicht nur mit Luft, Liebe und Applaus.

 

Foto für Homepage Über die Verfasserin:
Ina Plattner ist Kulturanthropologin, ausgebildete Kleinkindpädagogin, hobbymäßige Schriftstellerin, Zeichnerin und gelegentliche Sängerin. Neben der Arbeit im Atelier Achterbahn Graz zeichnet sie für das Kreativprojekt „Schrödinger‘s Box“* und arbeitet an ihrem Fantasy-Romanprojekt**.
Kreativität ist für die Wahl-Grazerin nicht nur eine Möglichkeit zur Innenschau und Reflexion, sondern vor allem heilsamer Ausgleich zum ansonsten oft chaotischen und schnellen Alltag. Aus dieser Erfahrung entstand 2014 der Wunsch, einen Raum und ein Zeitfenster zu schaffen, in dem Menschen mit psychischer Belastung frei ihrer Kreativität nachgehen, sich unterhalten und gemeinsam oder alleine schöpferisch tätig zu sein. Seit dieser Zeit engagiert sich Ina in dem von ihr ins Leben gerufenen Atelier im Rahmen des Vereins Achterbahn als Gruppenleiterin. Das kreative, intergenerative Selbsthilfe-Gruppenangebot findet regulär freitags von 10.30 Uhr bis 16.00 Uhr im Achterbahn Klubhaus, (Maiffredygasse 2, 8010 Graz) statt. (Ausgenommen Feiertage)

Atelier Achterbahn während der Corona-Krise:
Während der Corona-Krise wird das Atelier Achterbahn immer freitags in der Zeit von 14.00-16.00 Uhr virtuell abgehalten.
Nähere Informationen und den LINK zum Online-Meeting erhalten Sie unter der
Telefonnummer 0680 / 300 10 20 oder per eMail an office@achterbahn.st.

Die von Ina Platter organisierten monatlichen Schreibcafés im Zapo im Park und das Atelier Achterbahn im Klubhaus des Vereins Achterbahn sollen nach der Krisenzeit wieder regulär stattfinden. 

https://www.schroedingersbox.org/
** https://www.schroedingersbox.org/bücherbox/

Fotoquelle: Ina Plattner

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