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LEKTÜRE

Die Corona-Krise ... und wir? - 04: Ina P.

Ina Plattner
Von der Normalität der Isolation

Die letzten Wochen waren von einem „reduzierten Leben“ geprägt. Von vielen Seiten habe ich erfahren, dass die Menschen von Isolation und Langeweile geplagt werden, von einigen aber auch, dass der Zustand der „Entschleunigung“ sehr geschätzt würde.
Ich zähle mich zu zweiteren, auch wenn ich mich mittlerweile wieder auf Treffen mit FreundInnen oder der Familie freue.

Die Maßnahmen der Coronakrise gaben mir Raum, mich ohne Umschweife oder schlechtes Gewissen meinen Projekten zu widmen, allem voran meinem Romanprojekt, dem ich während meiner Zeit zu Hause einen frischen Anstrich verpassen konnte. Daneben kaum Termine, die drängen oder Druck von außen, endlich im großen Stil Geld verdienen zu müssen.
Eine Zeit, in der ich für mich erneut und sehr intensiv erkennen durfte und darf, was mir wirklich wichtig ist: Die Arbeit im Atelier und an meinen kreativen Projekte ohne den Druck zu schlechtem Gewissen sowie der Austausch mit einigen „ausgewählten“ FreundInnen und Verwandten.

Dennoch läuft in meinem Hinterkopf ein Muster wie einprogrammiert: Produktiv sein. Gerade jetzt wäre doch die Zeit, Versäumnisse aufzuholen, um dann endlich richtig durchzustarten, oder nicht?
Dem gegenüber das Bedürfnis nach Ruhe und wahrer „Entschleuningung“, nämlich, sich tatsächlich einmal eine Auszeit zu gönnen, nicht effizient sein zu müssen, den allgegenwärtigen Wettbewerb ein einziges Mal auszublenden.
Leider ist er nach wie vor da und (Spitzen-)Leistung immer noch ein Grundprinzip unserer Gesellschaft, dem viele – insbesondere finanziell weniger privilegierte Personen – Tag für Tag nach-hecheln, nur um immer wieder zu erkennen, dass sie in den fahrenden Zug weder einsteigen noch anhalten können. Das Hamsterrad läuft weiter und weiter und ich bin mir sicher, dass sehr viele Menschen auch, oder gerade jetzt zu Zeiten von Corona, von massiven Existenzängsten geplagt werden. Hinzu kommen Isolation, Sorge und Unsicherheit hinsichtlich der persönlichen und allgemeinen Zukunft.

Ich hoffe, dass wir unseren Selbsthilfe-Gruppenbetrieb, selbstverständlich unter Einhaltung spezieller Maßnahmen, bald wieder hochfahren und wieder in annähernd gewohntem Rahmen für die Menschen da sein können. Einsamkeit macht krank und als soziales Wesen kann der Mensch nun mal nicht vollkommen auf menschlichen Kontakt verzichten. Vor allem trägt dieser maßgeblich zur Bewältigung von psychischen Belastungen bei!

Ein Bekannter, ebenfalls Betroffener von psychischer Erkrankung, meinte zu mir, dass viele Betroffene mit der aktuellen Lage wohl besser zurecht kämen, als viele andere, denn sie seien an die Isolation gewöhnt, könnten daher besser damit umgehen.

Zeilen, die für sich sprechen und meiner Ansicht nach ein besonderes Licht auf die gesellschaftliche Stigmatisierung all jener wirft, die eben nicht oder nur in gewissem Rahmen so „leistungsfähig“ sein können, wie andere. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie (noch) nicht können.

Viele erfahren insbesondere aktuell durch Arbeitslosigkeit oder prekäre Dienstverhältnisse, wie schlimm es ist, keine (Lohn-)Arbeit zu haben, welche (Selbst-)Entwertung man dadurch erfährt und wie dieser Zustand auf die Psyche schlagen kann. (Langzeit-)Arbeitslosigkeit kann zu Burn-Out, Depressionen, Angststörungen und vielem mehr führen und ist für die allermeisten eben kein erstrebenswerter Dauerzustand! (1)

Ich persönlich hoffe, dass Betroffene von psychischer Erkrankung und/oder Arbeitslosigkeit mit all ihren Folgen bestmöglich mit dieser Belastung umgehen, vor allem aber Unterstützung anfordern, bekommen und annehmen können. Genauso hoffe ich, dass wir aus dieser Zeit und ihren Herausforderungen lernen und jenen gegenüber empathischer werden, die durch psychische Belastungen Leidensdruck erfahren, „zurückbleiben“ und einfach (vorübergehend) weniger leisten können, als psychisch vollkommen gesunde Personen.

Psychische Erkrankung kann uns wirklich alle treffen, vor allem in turbulenten Zeiten wie diesen!
In diesem Sinne wünsche ich uns von Herzen weiterhin viel Gesundheit, Kraft und trotz allem viele schöne und sonnige Momente in diesem Frühjahr 2020!

1) Für weitere Informationen siehe zum Beispiel: 
http://www.psychosoziale-gesundheit.net/seele/arbeitslosigkeit.html

Über die Verfasserin:
Ina Plattner ist Kulturanthropologin, ausgebildete Kleinkindpädagogin, hobbymäßige Schriftstellerin, Zeichnerin und gelegentliche Sängerin. Neben der Arbeit im Atelier Achterbahn Graz zeichnet sie für das Kreativprojekt „Schrödinger‘s Box“* und arbeitet an ihrem Fantasy-Romanprojekt**.
Kreativität ist für die Wahl-Grazerin nicht nur eine Möglichkeit zur Innenschau und Reflexion, sondern vor allem heilsamer Ausgleich zum ansonsten oft chaotischen und schnellen Alltag. Aus dieser Erfahrung entstand 2014 der Wunsch, einen Raum und ein Zeitfenster zu schaffen, in dem Menschen mit psychischer Belastung frei ihrer Kreativität nachgehen, sich unterhalten und gemeinsam oder alleine schöpferisch tätig zu sein. Seit dieser Zeit engagiert sich Ina in dem von ihr ins Leben gerufenen Atelier im Rahmen des Vereins Achterbahn als Gruppenleiterin. Das kreative, intergenerative Selbsthilfe-Gruppenangebot findet regulär freitags von 10.30 Uhr bis 16.00 Uhr im Achterbahn Klubhaus, (Maiffredygasse 2, 8010 Graz) statt. (Ausgenommen Feiertage)

Atelier Achterbahn während der Corona-Krise:
Während der Corona-Krise wird das Atelier Achterbahn immer freitags in der Zeit von 14.00-16.00 Uhr virtuell abgehalten.
Nähere Informationen und den LINK zum Online-Meeting erhalten Sie unter der
Telefonnummer 0680 / 300 10 20 oder per eMail an office@achterbahn.st.

Die von Ina Platter organisierten monatlichen Schreibcafés im Zapo im Park und das Atelier Achterbahn im Klubhaus des Vereins Achterbahn sollen nach der Krisenzeit wieder regulär stattfinden. 

Fotoquelle: Ina Plattner

Weitere Texte zur Reihe "Die Corona-Krise ... und wir? finden Sie unter dem
LINK: https://www.achterbahn.st/lektuere.html