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LEKTÜRE

Die Corona-Krise ... und wir? - 05: Ina P.

Ina Plattner
Fleißige Lerche, faule Eule?

Eines Tages in einer Chatgruppe: „Guten Morgen! Raus aus den Federn, ihr faulen Säcke!“, schreibt eine Chat-Teilnehmerin um 7 Uhr. Wir befinden uns mitten im „Lockdown“. Sie ist Frühaufsteherin und selbst als Pensionistin und während der Ausgangsbeschränkungen im Lockdown um spätestens 6:30 Uhr auf den Beinen. Sie steht gerne und sehr leicht früh auf und so ist es für sie wohl auch nahezu unvorstellbar, wie man noch etwas vom Tag haben kann, wenn man, sofern dies möglich ist, erst vormittags oder um die Mittagszeit aufsteht.

Jetzt, wo alles wieder hochgefahren wird, wieder vermehrt Termine anstehen und das Berufsleben wieder in konventionelle Strukturen zurückkehrt, fällt mir natürlich ganz besonders auf, dass sich auch bei mir der „Eulenrhythmus“ zum Teil wieder eingeschlichen hat. Wenn es möglich ist, arbeite ich nachmittags bis in den Abend und in die Nacht hinein. Da werde ich erst so richtig wach, konzentriert und effizient! Auch einige andere, mit denen ich mich unterhalte, erzählen mir, dass ihnen der Lockdown einmal mehr gezeigt hat, dass sie eigentlich absolute Nachtmenschen sind, die sich im Job dem frühen Rhythmus unseres Systems anpassen müssen.

„Faul“ ist niemand dieser Menschen, sie sind nur eben keine „Lerchen“, also „Morgenmenschen“, die früh morgens problemlos aufstehen und dafür abends auch gern früh zu Bett gehen. Ihr so genannter „Chronotypus“ ist eher der der „Eule“, also der klassischer Nachtmenschen, zu denen ich mich im Übrigen auch zähle. „Eulen“ bleiben gerne bis lang in die Nacht hinein wach und sind vor allem abends fit und konzentriert. Während „Lerchen“ beispielsweise gerne von 22 bis 6 Uhr schlafen, ruhen „Eulen“ etwa zwischen 4 und 12 Uhr. Wir bewegen uns etwa zwischen diesen beiden Schlaftypen. Zwar ist es möglich, den eigenen Schlafrhythmus bei Bedarf etwas umzustellen, jedoch lässt sich der Chronotypus eines Menschen nicht einfach so grundlegend umkrempeln.* So ist es für „Eulen“ eine Quälerei, sehr früh aufstehen zu müssen, so wie es „Lerchen“ sehr schwer fällt, bis in die späten Nachtstunden zu arbeiten.

Neu sind diese Erkenntnisse nicht, dennoch wird größtenteils an einem sehr frühen Takt im System festgehalten, der extremen „Lerchen“ entspricht, während „Eulen“ immer wieder in den Verdacht geraten, „faul“ zu sein, weil sie eben nicht so leicht aufstehen und morgens einfach länger brauchen, um in die Gänge zu kommen. Ein „Nachteil“, den sie mit ihrem Konzentrations-Hoch am Nachmittag und Abend jedoch wettmachen.

Die prominenteste Debatte in diesem Zusammenhang ist wahrscheinlich die Forderung, dass Schulunterricht später begonnen werden sollte, als es aktuell der Fall ist. Der Grund: Vielen Kinder und Jugendlichen schadet der frühe Schulbeginn, da einige von ihnen erst nach 23 Uhr einschlafen können.**

„Eulen“ - egal, ob jung oder alt – können von diesem Einschlafen-Können nach 23 Uhr oder erst weit nach Mitternacht wohl ein Lied singen und könnten stressfreier und mit weniger Schlafproblemen in den Alltag starten, wenn der Druck, abends früh einschlafen zu müssen, geringer wäre.

Selbstverständlich ist es utopisch, ein System schaffen zu können, dass sich immer punktgenau nach den Bedürfnissen aller richtet, allerdings fände ich allgemein einen sensibleren Umgang mit individuellen Leistungs- und Schlafrhythmen sehr sinnvoll. Weil es der Beschämung von „Eulen“ entgegenwirkt und weil Menschen faktisch nicht automatisch „faul“ sind, weil sie morgens schwerer aufstehen, sondern im Tagesverlauf ganz einfach nur einen anderen „Leistungshöhepunkt“ haben als „Lerchen.

* Quelle: https://www.cerascreen.de/blogs/gesundheitsportal/schlafrhythmus-innere-uhr
** Quelle: https://www.quarks.de/gesellschaft/bildung/darum-sollte-die-schule-spaeter-beginnen/

 

Über die Verfasserin:
Ina Plattner ist Kulturanthropologin, ausgebildete Kleinkindpädagogin, hobbymäßige Schriftstellerin, Zeichnerin und gelegentliche Sängerin. Neben der Arbeit im Atelier Achterbahn Graz zeichnet sie für das Kreativprojekt „Schrödinger‘s Box“* und arbeitet an ihrem Fantasy-Romanprojekt**.
Kreativität ist für die Wahl-Grazerin nicht nur eine Möglichkeit zur Innenschau und Reflexion, sondern vor allem heilsamer Ausgleich zum ansonsten oft chaotischen und schnellen Alltag. Aus dieser Erfahrung entstand 2014 der Wunsch, einen Raum und ein Zeitfenster zu schaffen, in dem Menschen mit psychischer Belastung frei ihrer Kreativität nachgehen, sich unterhalten und gemeinsam oder alleine schöpferisch tätig zu sein. Seit dieser Zeit engagiert sich Ina in dem von ihr ins Leben gerufenen Atelier im Rahmen des Vereins Achterbahn als Gruppenleiterin. Das kreative, intergenerative Selbsthilfe-Gruppenangebot findet regulär freitags von 10.30 Uhr bis 16.00 Uhr im Achterbahn Klubhaus, (Maiffredygasse 2, 8010 Graz) statt. (Ausgenommen Feiertage)

Atelier Achterbahn während der Corona-Krise:
Bis einschließlich 5. Juni 2020 - während der Corona-Krise - wird das Atelier Achterbahn immer freitags in der Zeit von 14.00-16.00 Uhr virtuell abgehalten. Nähere Informationen und den LINK zum Online-Meeting erhalten Sie unter der
Telefonnummer 0680 / 300 10 20 oder per eMail an office@achterbahn.st.

Die von Ina Platter organisierten monatlichen Schreibcafés im Zapo im Park und das Atelier Achterbahn im Klubhaus des Vereins Achterbahn sollen nach der Krisenzeit wieder regulär stattfinden. 

* https://www.schroedingersbox.org/
** https://www.schroedingersbox.org/bücherbox/

Fotoquelle: Ina Plattner

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