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LEKTÜRE

Depression (von Max Gad)


Depression ist Verwandlung in den, der man ist. Es gibt nichts Schlimmeres. Depression ist, wenn die Neugierde erfriert. Zu allem ein schlappes Achja. Stumpfsinnig sein, nicht aber belastbar; und stets knapp vor dem Heulen. Man ist unentwegt Opfer. Auch Opfer der Vorstellung, Opfer zu sein. Ein Täter nur im Unterlassen.

Depression ist, wenn alle Vergleiche sich gegen dich wenden. Der Vergleich mit dem, der man war, als man sich regelrecht wälzte im Leben, welches ständig etwas von dir wollte und dadurch ständig etwas gab. Gefordert von der Frau, die das besondere in dir fand. Gefordert vom Kind, das du nicht enttäuschtest, fast nie. Gefordert von Kollegen, die sich auf dich verlassen konnten. Und vom Verlangen, das Richtige zu tun, wo immer. Man strotzte vor Kraft und war abends kaputt und glücklich. Man war sich, ohne es zu wissen, der Kostbarkeit des Augenblicks bewußt und kostete ihn aus. Irgendwann - wie hat es begonnen? - wich man
sich und anderen aus, schob alles auf und weit weg. Irgendwann erwartete keiner mehr etwas von dir, du vor allem nicht. Seit das Leben viel bequemer wurde, ist es unerträglich.

Depression ist Erpressung. Von anderen und sich. Das Ziel heißt Nichtsein, und die vielen öden Wege dorthin heißen Desinteresse, Apathie, Kraftlosigkeit, Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit, Antriebslosigkeit. Reichlich Vokabular mit „-losigkeit“ zum Ankreuzen.

Depression ist die Aussicht: sobald es mir besser geht, bringe ich meinen Peiniger um. Und die hämische Einsicht: so einem Nichts wie dir steht Selbstmord gar nicht zu. Das ist das einzige, was wirklich gegen Selbstmord spricht.

Depression ist: sich ertappen, wie man um Verständnis bettelt. Dafür schämst und haßt du dich. Jeder, der helfen wollte, wird brüsk zurückgewiesen. Wer freundlich ist, läuft ins Leere. Wer dich lobt, wird beleidigt. Wer dich küßt, beißt auf Granit. Wer dich liebt, wird vor den Kopf gestoßen. Wer dich braucht, wird enttäuscht. Das gibt Material für erbärmliche Zynismen. „Ich hab immer gewußt, daß ich ein Schwein bin.“ Irgendwann ist auch solches Gerede zu anstrengend.

Depression ist: darauf lauern, sich ständig des Versagens überführen zu können. Feine Sensorien entwickeln für Fehler und Nieten und Makel. Katastrophen dort schon erkennen, wo man früher angesichts so einer Bagatelle kaum mit der Schulter gezuckt und gemeint hätte: „Das werden wir gleich haben!“

Depression ist, wenn sogar zum Neid die Energie fehlt. Dabei ist rundum nur Beneidenswertes: Der Wurm, wie er sich krümmt. Der Idiot, wie er zufrieden grinst. Dieser Krüppel da hat wenigstens kein Bein. Und was hab ich? Doch, manchmal gibt es Neid, mit Seufzen: Du hörst von einem Mann, der an einem Blinddarmdurchbruch starb, und du beneidest diesen Glückspilz aus der ganzen Brust. Depression: gelingt dir einmal etwas, denunzierst du es sofort als Zufall, sozusagen als Defekt. Zeichnet sich Erfolg ab, machst du ihn zunichte, bevor er Wirklichkeit hat werden können. Nur was nicht paßt, wird passen.

Depression ist: Wenn Wissen nicht hilft. Wenn Spott nicht hilft. Wenn Umarmung nicht hilft. Wenn Reden nicht hilft. Wenn Bewegung nicht hilft. Und wenn alles unterlassen und gemieden wird, das vielleicht helfen könnte. Wozu auch?

Depression, wenn man drin steckt, scheint ohne Metaphern. Die Worte kommen zufällig daher wie die Vögel und lassen sich im Schweigen nieder. Ungebeten. Dann wird das Dasein zum beispielsweise einer Zigarette, die ungeraucht verglimmt und verdrießlich zurückläßt, 2 Negation des Genusses. Nach soviel Stuß verscheucht man die Vögel, wird zur skurrilen Wortscheuche und verstummt.

Depression: neben dir fühlen sie sich erst hilflos, dann schuldig. „Was hast du?“ - „Nichts.“ - Was fehlt dir?“ - „Nichts.“ - „Kann ich etwas für dich tun?“ - „Nichts.“ - „Komm, machen wir ...“ - „Könntest du mich bitte in Ruhe lassen. Ist das denn zuviel verlangt?“ Dann haben sie dich satt. Zumindest siehst du das so und sagst zu deiner Liebe, sie hätte nicht heiraten sollen, nicht dich. Du seist ihr Unglück. Sie müsse sich nicht verstellen und bitte nur keine Fröhlichkeit vormachen. Irgendwann hast du gewonnen, sie verlernt zu lachen und ist endlich mit Verzweiflung geschlagen. Du bist es mehr als je.

Depression ist etwas, von dem man meint, es sei halt so dahingesagt. Ein Begriff, derart inflationär geworden und vage, daß man ihn kaum anders verwenden kann denn als eine billige Kuriosität. Auch dir ist er nichts als Talmi.

Depression: alles unverschämt nah und zugleich unerreichbar.

Depression ist Unfähigkeit, auf Provokationen anders zu reagieren als mit noch mehr Mißmut: Der schamlos prächtige Kastanienbaum. Das ekelhaft schöne Lied. Der unerträglich klare Gedanke. Der schweinisch gute Mensch. Das obszön Erfreuliche. Und zu allem zu matt zum Abwinken.

Depression ist die Frage, wofür man sie braucht.

Depression ist: Atmen wird Schwerarbeit und macht alles nur schlimmer. Und wie man weiß, haben auf Luft und Licht, auf Geschmäcker und Gerüche nur die Glücklichen Anspruch. Sie sind imstande, sich dankbar zu erweisen. Und in jedem Erwachen das blanke Entsetzen: „Bitte nicht wieder ein Tag, nicht schon wieder!“ Etc.

Bestandteil des Buches: "Das Wissen, dass Wissen nicht hilft", Erscheinungstermin noch unbekannt.