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AKTUELLES

15.12.2011

Erfahrungsbericht einer von Depression Betroffenen

Über das Leben mit Depression und warum es durchaus Sinn macht, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen und man in akuten Phasen der Depression nicht vor einem stationären Aufenthalt zurückschrecken sollte.

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke (ich bin jetzt 47 Jahre ), so kann ich sagen, dass im Großteil meines Lebens die Depression eine Rolle spielte. Schon als Kind kannte ich Phasen, wo es mir sinnlos erschien, am Leben zu sein. In der Pubertät wurden die depressiven Phasen stärker. Zum ersten Mal machte ich die Erfahrung von Schlaflosigkeit, großen Ängsten und einer ausweglosen Sichtweise. Ich hatte große Angst vor meinen Mitschülern, Lehrern und vor allen zwischenmenschlichen Kontakten. In der Schule war ich gut, die Ängste waren trotzdem da. Meine Eltern konnten sich auch nicht erklären, was mit mir los war. Vielleicht dachten sie, ich hätte nur schlechte Laune und hofften, es würde von allein wieder besser werden. Da die Depression in Phasen kam, gab es durchaus auch „gesunde“ Momente

Mit 24 Jahren allerdings, ich wohnte schon lange allein, wurden die psychischen Schmerzen so stark, dass ich von mir aus eine Psychiaterin aufsuchte. Sie diagnostizierte eine „Depression“ und verschrieb mir ein Antidepressivum. Dieses Medikament bewirkte eine Besserung, hatte aber auch beträchtliche Nebenwirkungen. Die Mundtrockenheit und Müdigkeit machten mir am meisten zu schaffen. Dennoch war es mit diesem Medikament möglich, besser zu leben. Ich machte eine Ausbildung zur Sekretärin und konnte arbeiten. Zeitweise, wenn ich es mir leisten konnte, machte ich auch eine Psychotherapie, die ich aber aus finanziellen Gründen nie lange durchhalten konnte.

Obwohl ich ein Antidepressivum einnahm, musste ich immer wieder in stationäre Behandlung. Diese Aufenthalte in der Psychiatrie halfen mir jedes Mal enorm. Von Mal zu Mal lernte ich besser mit

der Depression zu leben und mich mit der Erkrankung zu akzeptieren. Ich erkannte, dass es einen lebenslangen Lernprozess bedeutet, mit einer Depression zu leben.

Heute bin ich der Medizin dankbar, dass es mir mit ihrer Hilfe gelungen ist, ein lebenswertes Leben zu führen. Es ist gut, dass weiter geforscht wird. Ich habe auch das Glück, in einem Verein arbeiten zu dürfen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, in der Gesellschaft für eine Entstigmatisierung und Enttabuisierung von psychischen Erkrankungen zu kämpfen. Der Verein bietet Betroffenen die Möglichkeit, sich in Selbsthilfeguppen auszutauschen, und steht Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite.

Es ist wichtig, in der Öffentlichkeit Verständnis und Wissen über psychische Erkrankungen zu schaffen, denn psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Ich möchte jeden Erkrankten ermutigen, sich in fachmännische Hände zu begeben und sich helfen zu lassen. (Doris)


Der Erfahrungsbericht ist erstmalig in der Broschüre "Unipolare Depression" (Hsg. FOCUS PATIENT, 2011) erschienen.