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AKTUELLES

03.10.2015

Endlich mal raus kommen! - Achterbahn-Urlaub am Wörthersee

Im Spätsommer 2015 kamen Menschen mit psychischer Beeinträchtigung und kleinem Budget wieder in den Genuss einer Urlaubsaktion des Vereins Achterbahn. 42 Betroffene verbrachten gemeinsam drei Tage in Pörtschach am Wörthersee. Ermöglicht wurde dies abermals durch eine großzügige Spende des Militärkommandos Steiermark aus dem Reinerlös der Keksbackaktion „Soldaten und Kinder backen Hilfe“, die im Advent 2014 im Rahmen von Licht ins Dunkel im ABZ Graz-Andritz durchgeführt wurde. Als Dankeschön an alle Beteiligten veröffentlichen wir hier den persönlichen Reisebericht einer Betroffenen.


Endlich mal raus kommen!
Ein Reisebericht

Viele Menschen geraten wegen einer psychischen Erkrankung an den Rand der Gesellschaft, weil sie arbeitsunfähig werden und so kein Geld mehr verdienen können. Nicht wenige von ihnen würden gerne etwas tun, fühlen sich aber den Anforderungen der modernen Arbeitswelt nicht mehr gewachsen. Da sie oft keinen hoch dotierten Job hatten, beziehen viele von ihnen Mindestpension, die sie oftmals mit ihren letzten Kraftreserven hart erkämpfen mussten. Substandardwohnung, billige Nahrungsmittel, abgetragene Kleidung, kaum Sozialkontakte. Urlaub machen die anderen. Mitten im Leben schon am Ende angelangt. Die Folgen davon: Scham, Isolation und Einsamkeit, nicht wirklich gesundheitsfördernde Aspekte.


Ich bin eine von ihnen. Vergangene Weihnachten gelangt allerdings völlig unvermutet Licht ins Dunkel meiner traurigen Welt. Schulkinder, Soldaten und Sportler – junge Menschen – tun sich im Advent zusammen, um Kekse zu backen und zu verkaufen. Selbstlos, für einen guten Zweck. Um benachteiligten Menschen wie mir ein paar glückliche Momente zu bescheren. Ob ihnen bewusst ist, welches Ausmaß ihr Einsatz schließlich hat, wie gut ihr Werk ist? Wie dem auch sei, es ist ihnen zu verdanken, dass schließlich 42 Menschen mit psychischer Beeinträchtigung aus Graz und der Steiermark in diesem Sommer drei Tage Urlaub machen können. Das kommt auch mir zugute. Mit dem Reinerlös aus dem Verkauf der Kekse kann der Verein Achterbahn im Frühjahr mit der Planung einer Urlaubsaktion beginnen. Die Wahl fällt auf Pörtschach am Wörthersee! Ein prominenter und stark frequentierter Urlaubsort mit langer Tradition. Ich habe mich früh genug angemeldet und konnte einen Platz ergattern. Die Nachsaison, in der ich dann mit 41 anderen Betroffenen gemeinsam die Reise antrete, ist Garant dafür, dass es schon recht ruhig ist. Und tatsächlich sind wir im Hotel die letzten Gäste. Wie ich in Erfahrung bringe, schließen die meisten Tourismusbetriebe im Ort nach diesem Wochenende. Das Personal wirkt von der langen Sommersaison, in der es über weite Strecken überdurchschnittlich heiß war, einigermaßen erschöpft. Unser Verständnis ist ihm sicher, wir können verstehen, was es heißt, am Ende seiner Kräfte zu sein. Ruhig nehmen wir die langwierige Zimmeraufteilung hin. Danach kann es uns nicht schnell genug gehen, um raus zukommen und die Gegend, vor allem den See, den Strand mit seinen Seevillen und berühmten Hotels und die nahegelegene Flaniermeile zu erkunden. Viele Berühmtheiten, darunter die Komponisten Gustav Mahler und Johannes Brahms sollen hier regelmäßig zu Gast gewesen sein. Sogar Kaiser Franz Josef hat seine Spuren hinterlassen, wie ich später am Abend in dem Gasthaus erfahre, wo ich mir mit ein paar Anderen der Gruppe einen Schlummertrunk gönne. Dort hängt ein wandfüllendes Porträt des Kaisers, das er dem Wirt einst aus Dankbarkeit für seine Gastfreundschaft überlassen haben soll. Seither trägt das Haus den Namen „Franzl“. Wahrheit oder Werbestrategie? Der Wein war jedenfalls seinen Preis wert.

Das Hotel liegt nicht am See, hat aber doch einiges zu bieten. Besonders intensiv werden wir in den kommenden beiden Tagen den einladenden Gastgarten für rege Unterhaltungen nutzen, bei denen wir die eine oder andere Lebensgeschichte im Detail erfahren. Wir kennen einander ja nicht unbedingt, auch wenn manche bereits seit Jahren das Angebot des Vereins Achterbahn nutzen. Jedenfalls hatte es kaum jemand von uns im Leben leicht. Im Austausch aber, das zeigt sich immer wieder, wird so manches Leid relativiert oder leichter zu ertragen. Geteiltes Leid ist eben halbes Leid.

Am nicht weit entfernten Seegrundstück des Hotels lässt es sich all die Tage gut aushalten. Ganz ruhig liegt der See da, immer wieder kommen ein paar Enten angeschwommen und hoffen auf ein Stückchen Brot. Die Boote sind winterfest gemacht. Nur das Tretboot können wir noch benützen. Damit werde ich in den nächsten Tagen mit einer Freundin die eine oder andere Runde gedreht und mich überwunden haben, im schon recht kühlen Nass zu baden. Unglaublich wie kristallklar das Wasser ist.

Untertags driftet die Reisegruppe auseinander. Wer möchte, findet aber Anschluss. Niemand muss alleine sein. Mich zieht der neue Aussichtsturm am Pyramidenkogel, den ich vom Badeplatz aus entdecke, magisch an. Am nächsten Tag bietet er mir mit seinen 67 Metern die Gelegenheit, meine Höhenangst auf die Probe zu stellen. Der atemberaubende Ausblick auf den langgestreckten See und seine bergreiche Umgebung lenken mich aber davon ab. Ich habe das Gefühl, auf eine Ansichtskarte zu blicken, wäre da nicht das Ausflugsschiff, das unermüdlich seine Runden zieht, um Touristen an die verschiedensten Orte am Ufer zu bringen. Einige von uns sind zu der Zeit mit einem dieser Schiffe unterwegs nach Klagenfurt. Beim Abendessen erzählen sie dann von Minimundus und ihren Erkundungen der Stadt.

In Pörtschach herrscht in vielen Geschäften Ausverkauf. Am letzten Tag nützt so manche von uns die Gelegenheit, günstig das eine oder andere Kleidungsstück zu erwerben. Nach einem letzten wehmütigen Spaziergang am See, halte ich mich lange in einer kleinen Boutique auf und probiere, was mir gefällt. Auch wenn ich weiß, dass ich mir nichts davon kaufen werde. Es ist ein Zeitvertreib, den ich mir manchmal in Graz gönne. Die Verkäuferin bleibt gelassen. Sie hat in der Hauptsaison ihr Geschäft gemacht. Ich kaufe dann doch einen Pullover und rechne erst gar nicht nach, was ich mir dafür in nächster Zeit nicht leisten kann. Im Hotel herrscht inzwischen Aufbruchstimmung. Schnell noch einen Kaffee, eine Zigarette. Dann werden die Koffer verstaut und es geht zurück nach Graz - mit der letzten Sommersonne und großer Dankbarkeit in unseren Herzen. (red)