achterbahn

AKTUELLES

07.10.2008

Kleine Zeitung vom 19.6.2008

Neue Maßnahmen in Nervenklinik: "Das ist der falsche Weg"

Um die angebundenen Patienten in der Landesnervenklinik soll in Zukunft auch noch ein Netz gespannt werden. Zum Schutz, wie der Direktor behauptet. Es hagelt Proteste.

Nach dem gewaltsamen Tod seines 48-jährigen Sohnes in der Grazer Landesnervenklinik Siegmund-Freud fordert der Vater Verbesserungen in der Psychiatrie. "Meinem Sohn kann nicht mehr geholfen werden, aber anderen Patienten schon. Es ist an der Zeit, dass in der Psychiatrie ein Umdenken stattfindet", sagt Rudolf K. aus Aigen.

Opfer. Wie mehrmals ausführlich berichtet, wurde sein Sohn Rudolf vorige Woche in der geschlossenen Abteilung der Akut-Psychiatrie von einem anderen Patienten getötet. Das Opfer war angebunden und vollkommen wehrlos, als ihm der Bettnachbar eine Semmel und eine Konservendose in den Rachen stopfte. Es könne nicht sein, dass ein Patient in einem Zimmer fixiert wird, in dem auch andere gewaltbereite Patienten und geistig abnorme Rechtsbrecher untergebracht sind, kritisiert der Vater des Opfers.

Handlungsbedarf. Für die Klinikleitung besteht Handlungsbedarf. Man arbeite bereits an einen Maßnahmenkatalog. Die Vorschläge sollen kommenden Dienstag mit den Interessensvertretungen diskutiert werden, versichert Betriebsdirektor Bernhard Haas. "Wir überlegen akustische und optische Überwachungsmöglichkeiten", sagt er und stößt in einem Punkt bereits auf Widerstand: Patientenanwalt Michael Scherf ist nämlich strikt dagegen, dass um das Bett fixierter Patienten auch noch ein Netz gespannt werden soll. Genau das sei aber eine der geplanten Maßnahmen.

Lösung. Scherf: "Eine solche Doppelfixierung lehne ich strikt ab. Das ist der falsche Weg. Wenn der Direktor das tatsächlich durchzieht, ziehe ich vor Gericht." Für Scherf lautet die Lösung: mehr Personal. Ins selbe Horn stößt Kurt Senekovic, Obmann der Betroffenen-Bewegung "Achterbahn". "Es ist unfassbar, was da geplant ist. Eine solche Maßnahme würde die Lage nur noch verschärfen.

HANS BREITEGGER
Stellungnahme von Univ.Prof.Dr. Hans Georg Zapotoczky

Sehr geehrter Herr Obmann!

Eine Fixierung eines Patienten kommt meine Erachtens punktuell nur zum Schutz des Patienten zur Anwendung.

Punktuell heißt: fur eine relativ kurze Zeitspanne - etwa eine halbe Nacht, bis sich der Patient wieder beruhigt hat.

Wichtig sind nach Alternativen rechtzeitig zu suchen: beruhigende Gespräche, eingehen auf die Wünsche und Bedürnisse des Patienten, sedierende Medikamente. Eine Doppelfixierung des Patienten kommt für mich nicht in Frage. Zu fordern ist eine permanente Präsenz einer Pflegeperson auf einer geschlossenen Station. Ansonst könnte man den Anforderungen an eine geschlossene Station ( Observierung von Selbstgefärdung) nicht gerecht werden und käme mit dem Gesetz in Konflikt.

Mit freundlichen Grüßen
Univ.Prof.Dr. Hans Georg Zapotoczky
Stellungnahme vom Obmann des Vereins Achterbahn, Kurt Senekovic

"Wir vom Verein Achterbahn, Plattform für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, weisen die geplanten Maßnahmen zur Doppelfixierung entschieden zurück. Umso unverständlicher ist es für uns, dass im 21. Jahrhundert damit ein Rückschritt ins psychiatrische Mittelalter erfolgen würde. Leider gibt es auch keinen Aufschrei der sogenannten Psychiatriereformer auf professioneller Seite. Aus unserer Sicht müssen die personellen Ressourcen erhöht werden, um eine adäquate Versorgung und Betreuung gewährleisten zu können. Damit wären solche Maßnahmen nicht mehr nötig.

Wir von der Betroffenen-Bewegung Achterbahn fordern ein Mitspracherecht in diesen Belangen, damit hier auch für die Betroffenen die Menschenwürde gewahrt werden kann. Maßnahmen, wie die Doppelfixierung, sind aus unserer Sicht unmenschlich! Werden diese Maßnahmen umgesetzt, nehmen wir vom Verein Achterbahn dies nicht stillschweigend hin, sondern werden all unsere Möglichkeiten ausschöpfen um diese gravierdenden Einschnitte in die Menschenwürde abzuwenden!"
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