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AKTUELLES

07.07.2020

Zum Nachhören auf Ö1:

Rosa Lyon im Gespräch mit Julius Hochgatterer, Autor und Jugendpsychiater am Uni-Klinikum in Tulln 


Hochgatterer.Ö1

Im Interview spricht Julius Hochgatterer über "glückliche Kindheit", voraussichtliche Effekte der Corona-Krise auf Familien und seine Rolle als "Sprachrohr für Kinder- und Jugendliche" in der Öffentlichkeit. 

--> Die Ö1-Radiosendung der Reihe "Da Capo" kann bis 10.7.2020 nachgehört werden

Ob eine Kindheit „glücklich“ ist, hänge, so Paulus Hochgatterer, in erster Linie von den Eltern ab. Nur wenn diese mit sich und der Welt zurecht kämen und sich Zeit für ihre Kinder nehmen, könnten sie dies auch vermitteln. Es brauche Eltern, die auch erwachsen sein wollen, das heißt, Erfahrungen gemacht haben und denen diese Welt vertraut sei, um genau diese innere Haltung an ihre Kinder weitergeben zu können.

Für essenziell hält er dabei Freiheit - allem voran die Freiheit von Gewalt.

Die höhere Beschreibungsgenauigkeit psychiatrischer Diagnosen von Kindern und Jugendlichen schreibt Hochgatterer unter anderem allgemein größerer Aufmerksamkeit zu, die diese Themen im öffentlichen Raum bekämen. Eine durchaus positive Entwicklung. Obgleich es auch im psychiatrischen Bereich immer wieder diverse Strömungen oder „Moden“ gäbe, käme jener verstärkte Fokus auf psychische Erkrankungen am Ende immer der Verbesserung der Situation von Familien und Kindern zugute.
Eine besonders positive Entwicklung sieht der Kinder- und Jugendpsychiater etwa darin, dass allgemein weniger Scham davor bestünde, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen.
Die Behandlung seiner jungen KlientInnen mit Psychopharmaka stellt einen Teil von Hochgatterers beruflichen Alltags dar. Auf die Frage, ob er diese Medikamente denn auch selbst ausprobiert habe, antwortet er: "Natürlich!" Anschließend beschreibt er den HörerInnen die Wirkungsweise einzelner Medikamentengruppen und seine persönlichen Erfahrungen mit diesen.

Angesichts aktueller Entwicklungen im Zuge der Corona-Krise sorgt sich Hochgatterer allem voran um die Gesundheit von Eltern. Nicht zuletzt, weil diese einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder habe. „Tertiäreffekte“ des „Lockdowns“ wie Arbeitslosigkeit und geringeres Einkommen machten, so der Kinder- und Jugendpsychiater, krank und ängstlich. So sieht er bezüglich psychischer Belastung bei weitem die größten Effekte in den Auswirkungen von Familien in prekären Situationen, welche neben innerfamiliären Spannungen auch Krankheiten wie Depressionen nach sich ziehen könnten.

Von diesem Standpunkt aus kritisiert er das Verständnis der Politik von Eigenverantwortung als „Verantwortlichkeit für das eigene Elend“, aus dem man sich gefälligst selbst und ohne Hilfe von außen zu befreien habe. Dass finanzielle Mittel ungerecht verteilt würden, sieht man zum Beispiel in der Kunst, wo SchauspielerInnen mitunter ihre Miete nicht mehr zahlen könnten, die Unterstützungen vom Staat jedoch ausblieben.

Im Rahmen seiner schriftstellerischen Tätigkeit verarbeitet der Autor mitunter Erfahrungen und Themen seiner Arbeit als Kinder- und Jugendpsychiater am Universitätsklinikum Tulln. In seinen Büchern übt er unter anderem Kritik am gesellschaftlichen Umgang mit Missbrauch und wird so zum Sprachrohr für Kinder mit Gewalterfahrungen und psychischer Erkrankung.

Das gesamte Interview mit Paulus Hochgatterer zum Nachhören und Download unter: https://oe1.orf.at/player/20200703/604039

Foto: Screenshot: https://oe1.orf.at/player/20200703/604039

Verfasserin: Ina Plattner