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AKTUELLES

14.09.2020

Erste Hilfe für die Seele: Die Neunte Symphonie von Beethoven

Norbert Dornauer über Ludwig van Beethoven, seine 9. Symphonie und Depressionen.


Eine freundliche Dame ist am Telefon, sie leidet an der typischen winterlichen Depression und an einem Schnupfen, den sie seit Wochen nicht mehr hat loswerden können.

„Sie haben wahrscheinlich niemals Depressionen", krächzte sie.

„Hören Sie", antworte ich, „ich gerate manchmal in ein solches Tief, dass ich eine lange Leiter brauche, um wieder aus diesem Loch herauszukommen"

„Und was tun Sie dann", fragte sie, „ich meine, was unternehmen Sie dagegen?"

So direkt hat mich das noch niemand gefragt, gewöhnlich bitten mich die Leute, dass ich Ihnen sage, was sie tun sollen. Mein Trost liegt weder in der Religion, noch im Yoga, noch im Alkohol oder im Tiefschlaf.

Mein Trost ist Beethoven. Er ist meine Trumpfkarte. Ich lege die Neunte auf, stülpe Kopfhörer über die Ohren und lege mich auf den Fußboden. Die Musik ist für mich so, als erlebte ich den ersten Schöpfungstag. Und ich denke über den alten „Ludwig van" nach. Er wusste sehr genau, was Depressionen und verzweifelte Verstimmungen sind. Er ist viel herumgezogen, um den für ihn geeigneten Ort zu finden.

Auch in der Liebe hatte er kein Glück, und er stritt sich ständig mit seinen Freunden. Ein missratener Neffe bereitete ihm schwere Sorgen. Ein Neffe, den er aufrichtig liebte. Ursprünglich wollte Beethoven Pianist werden.

Dann versuchte er es als Sänger, aber schon in jungen Jahren begann er schwerhörig zu werden, für einen Pianisten und Sänger ist das ein schwerer Schlag. 1818, im Alter von 48 Jahren, war er stocktaub.

Umso erstaunlicher ist es, dass er fünf Jahre später seinen neunte Symphonie komponierte. Richtig gehört hat er sie nie, er hat sie nur GEDACHT!

So liege ich mit meinen Kopfhörern am Fußboden und frage mich, ob Beethoven die Musik so empfunden haben kann, wie sie in meinen Ohren klingt. Das Crescendo schwillt an und mein Brustbein fängt an zu vibrieren. Und wenn am Schluss die Kesselpauke alle großen F´s übertönt, springe ich auf und stimme mit aller Kraft meiner Lungen in den Gesang des Chores mit ein. Dabei hüpfe ich auf und ab, wie der Dirigent den Schlusschor dirigiert, der das Ende der Welt und das Erscheinen Gottes und all´ seiner Engel verkündet. Hallelujah, hallelujah, hallelujah.

Das richtet mich auf, ich bin gestärkt, erregt, begeistert und überwältigt. Großartig, aus allen Sorgen und Ängsten, den Frustrationen und Enttäuschungen und der tief andauernden Stille kam jene majestätische Musik, jene überschäumende Freude und Verzückung. Er hat sein Schicksal mit freudigem Jubel besiegt. Und ich kann dieser Wahrheit und Schönheit nie widerstehen. Diese Musik fegt nicht nur jede trübe Stimmung zum Fenster hinaus, sondern kann wahrscheinlich auch jeden Schnupfen heilen.

Was soll das ganze Lamentieren über den Regen, über die Sorgen, über die Steuervorschreibungen, über die Rechnungen, wozu das ganze Fragen nach dem Sinn des Lebens und das Klagen über die Menschen, die angeblich nichts taugen. Gerade an den trüben Tagen finde ich in der Musik Beethovens eine unwiderstehliche Kraft und neuen Lebensmut.

Eines Tages, an einem unglaublichen Dezemberabend, werde ich, wenn ich einmal sehr reich bin, eine große Konzerthalle mieten, mit einem großen Chor und einem gewaltigen Symphonieorchester, und davor am Dirigentenpult stehen und Beethovens Neunte dirigieren. Dann werde ich persönlich zum Schluss die Kesselpauke schlagen, und gleichzeitig mit der ganzen Kraft meiner Lungen in den Chor einstimmen. Und in der feierlichen Stille, die dann folgt, werde ich den Segen Gottes für Ludwig van Beethoven erflehen. Für die Neunte, und für das Leuchten, das er uns damit geschenkt hat. Großartig!

Für Interessierte, das ist der Link zur neunten Symphonie von „Ludwig van Beethoven":
https://www.youtube.com/watch?v=t3217H8JppI&ab_channel=AnAmericanComposer

Wiederveröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Norbert Dornauer.

 

Norbert Dornauer Norbert Dornauer erblindete mit acht Jahren, ist Betroffener von Hirnatropie sowie Epilepsie und arbeitete 6 Jahre lang als Masseur. Seit knapp drei Jahrzehnten ist der Klagenfurter mit seinem Projekt IQ-Fun-Games selbstständig.

 

Weiterführende Links:

--> IQ-Fun-Games: 

https://www.youtube.com/watch?v=rIcaS-5wTe4&feature=youtu.be&ab_channel=NorbertDornauer

Bildquelle: Norbert Dornauer