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AKTUELLES

06.04.2021

Öffne deinen Erfahrungsschatz: Umgang mit Suizidgedanken

Wolfgang Eicher schreibt in seinem Text ganz offen über das Tabuthema "Suizidgedanken" und dass er gelernt hat, damit zu leben.


"Ich habe Selbstmordgedanken. Begründet ist dies in einer monatelangen schweren Depression, die meine Psyche durchrüttelt. Jedes Tun ist eine Unmöglichkeit. Das Loch offenbart eine Hoffnungslosigkeit, die in die Unendlichkeit der Zukunft reicht. Jeder Tag wird zum Kampf um mein Dasein, die Situation ist nur schwer auszuhalten. So sehr das Dasein in diesen Zeiten eingeengt durch Lockdown und Ängste vieles Zwischenmenschliche ausschaltet, schwebe ich in einer schwarzen Wolke, die keine Aussicht bietet. Natürlich möchte ich das beenden. Und als Weg erscheint immer wieder jene Tat, die Befreiung vorgaukelt. Und ich denke mir, dass es vielleicht dort draußen noch andere gibt, die in dieser kollektiven Depression um ihr Leben kämpfen. Und daher möchte ich ein wenig davon erzählen, wie ich mit meinen Selbstmordgedanken umgehe.

Unter Selbstmordgedanken verstehe ich Fantasien, wie und wann man das eigene Leben beendet. Sie helfen mir in ausweglos scheinenden Situationen. Sie begleiten mich schon mein halbes Leben lang. Dabei habe ich noch nie versucht, mir das Leben zu nehmen. Ich besitze nämlich ein Sicherungstool in meiner Psyche. Immer wenn sich der geplante Selbstmord annähert, er zur unfassbaren Realität zu werden droht, erscheint in mir ein Selbstwertgefühl, das durch alle Depressionen durchstrahlt. Das Auftauchen des verstärkten Selbst-Bewusstseins erlebe ich jedes Mal als Wunder. Es wäre nämlich schade um mich. Ich bin als Mensch einzigartig und diese Einzigartigkeit würde verloren gehen. Ich habe nur dieses eine Leben. Der Wert eines jeden einzelnen Lebens wird mir bewusst. So auch der des meinen. Und wie sich die Situation der Erde wieder ändern wird, das Gefühl eingesperrt zu sein weichen einer neuen Freiheit, so wird auch meine Depression zu Ende gehen. Dann kann ich wieder Bücher schreiben oder was auch immer. Ich schiebe meinen nahen Tod ein wenig in die Zukunft hinein. Ich habe einmal mehr überlebt.

Meine Selbstmordgedanken werden mich ein Leben lang begleiten. Ich habe gelernt, mich mit ihnen zu arrangieren. Dass sie es vermögen, so manche ausweglos dunkle Stunde erträglicher zu machen, mag erschreckend erscheinen, ich lasse meine Selbstmordgedanken dennoch sein."
Wolfgang Eicher

Wolfgang EicherÜber den Verfasser:
Wolfgang Eicher wurde am 23. Februar 1975 in eine ländliche Welt hineingeboren. Während seiner Ausbildung zum Landwirt fand er 1991 einen Ausweg im Schreiben. 1998 wechselte er nach Wien, wo er sich in den Studien Vermessungswesen, Raumplanung und Architektur versuchte. Ohne Abschluss landete er immer wieder beim Schreiben, wobei die Protagonisten seiner Romane nie ohne Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt auskommen. 2016 kam es zur Veröffentlichung von „Die Insel“ und 2017 zur Veröffentlichung von „freiheitsstatue“ im Verlag duotincta.


316IQ2+07YL._SX370_BO1,204,203,200_ Buchtipp:

Wolfgang Eicher: "Die Insel"
Roman
Seiten: 240
Erscheinungsdatum: 17.03.2016
ISBN: 9783946086079
Ausgabe: Taschenbuch

Weitere Informationen >>HIER

 

 

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