achterbahn

AKTUELLES

01.04.2021

Coronakrise und Lockdowns: Erfahrungen und Entwicklungen im Verein Achterbahn

Am 16.02.2021 gab der Verein Achterbahn bei einem "Runden Tisch" des Grazer Gesundheitstadtrats Robert Krotzer per Videokonferenz einen Einblick in seine Erfahrungen und Aktivitäten während der Coronakrise und der damit verbundenen Lockdowns. 


Aufbau von Online-Selbsthilfegruppen (Online-SHG) Graz / Außenstellen

In den Lockdowns waren unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln, Erst- und Krisengespräche im Verein Achterbahn möglich. Allerdings mussten die analogen Gruppenangebote im Achterbahn-Klubhaus und den 8 Außenstellen stillgelegt werden.
Daher entschloss sich der Verein Achterbahn, neben dem Betrieb des Krisentelefons online-Selbsthilfegruppen zu etablieren. Bereits im ersten Lockdown 2020 wurde demzufolge ein Teil des Achterbahn-SHG-Angebotes online abgehalten. Sukzessive baute der Verein Achterbahn dieses Angebot im ersten Quartal 2021 bis auf 8 Gruppen aus. Unter Moderation der Achterbahn-GruppenleiterInnen hatten Menschen mit psychischer Belastung in Graz und der Steiermark daher während der Lockdowns regelmäßig die Möglichkeit zum Austausch mit anderen Betroffenen.

Dafür wurden Achterbahn-GruppenleiterInnen intern geschult und mit technischen Geräten ausgestattet. Durch ihren eisernen Willen, Betroffene auch während der Lockdowns zu begleiten, waren sie mit der Moderation der Selbsthilfegruppen rasch vertraut. Obwohl Konsens darüber besteht, dass analoge Selbsthilfegruppen durch Online-Formate nicht zu ersetzen sind, wurden und werden diese als Alternative von Betroffenen nun sehr gut angenommen.

Technisch versierten und dementsprechend ausgestatteten Betroffenen fiel die Umstellung auf die Online-SHG des Vereins Achterbahn leichter als Menschen, die bis zu diesem Zeitpunkt kaum oder gar keine Erfahrung mit Videochats hatten. Manche finden es sehr praktisch, beispielsweise ortsungebunden an den Gesprächsgruppen teilnehmen zu können, für andere ist es eher belastend, wenn GruppenteilnehmerInnen einen Teil ihrer Wohnung sehen. (Gruppenteilnahme ohne Bild ist allerdings möglich!)

Vereinzelt gibt es TeilnehmerInnen, die etwa die sehr intensive Situation in den Online-SHG oder in sehr seltenen Fällen gar die Überwachung der Video-Chats fürchteten. Um dies weitgehend auszuräumen, entschied sich der Verein Achterbahn für einen österreichischen Anbieter, der einen niederschwelligen Zugang zu Online-Gruppen mit hohem Datenschutz/Verschlüsselung gewährleistet.

Eine Hürde zur Teilnahme am niederschwelligen Online-SHG-Angebot war und ist bis heute, dass ein doch nicht unwesentlicher Teil von Betroffenen aus unterschiedlichen Gründen technisch nicht entsprechend ausgerüstet ist. Dem konnte mithilfe einer Kooperation mit dem Verein Lichterkette aus Wien durch den kostenlosen Erwerb von technisch gewarteten Geräten (ehrenamtliches Engagement des Vereins „PCs für alle“) – vor allem Laptops und PCs – bis zu einem gewissen Grad entgegengewirkt werden.

Erfahrungen von Betroffenen / Stimmungsbild

Es kristallisierte sich bei den Online-Gruppensitzungen heraus, dass viele Betroffene sehr unter häuslicher Isolation und dem Mangel an Zerstreuung zu leiden hatten. Es fehlte ihnen einfach der persönliche Kontakt zu anderen Menschen. Viele trauten sich aufgrund der Angst vor Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus nicht aus ihren vier Wänden.

Andere wiederum empfanden durch die mit den Lockdowns einhergehende Entschleunigung als entlastend. Einfach auch, weil es keinen Grund gab, für Besorgungen oder Termine außer Haus gehen zu müssen.

Einige TeilnehmerInnen besuchten die online-Gruppen mit großer Freude. Dadurch gelangen auch Betroffene in Kontakt mit anderen, für die analoge Gruppen eine zu hohe Schwelle darstellen oder die aufgrund ihres Wohnortes das Achterbahn-Gruppenangebot nicht nutzen können. Das Bedürfnis, FreundInnen, Bekannte und Familie zu treffen, Veranstaltungen zu besuchen oder auch einfach einmal wegfahren zu können, stieg mit der Dauer der Lockdowns langsamer, aber tendenziell auch bei Menschen, die sich als eher introvertiert beschrieben.

Besonders entlastend war für Betroffenen, als die sozialpsychiatrischen Angebote im extramuralen Bereich wieder aufgenommen wurden. Dennoch fanden viele nicht rasch genug die Hilfe, die sie in dieser krisenhaften Zeit benötigt hätten. Viele fühlten sich „herumgeschickt“ ohne Aussicht auf professionelle Hilfe, wodurch sich ihr psychischer Zustand weiter verschlechterte.

In dem Zusammenhang erwies sich der Verein Achterbahn, also die Selbsthilfe, für viele als ein wichtiger Anker für Entlastungsgespräche, Erfahrungsaustausch und für die Vernetzung zum professionellen Angebot.
Vor allem im fortgeschrittenen Stadium des 2. Lockdowns nahmen die GruppenleiterInnen unter den TeilnehmerInnen zunehmend eine „Corona-Müdigkeit“ wahr, verbunden mit Resignation bis hin zu Wut über die andauernde Situation und die damit einhergehende Unsicherheit. Natürlich treffen die GruppenleiterInnen auch auf Betroffene, die mit Verschwörungstheorien wie „Querdenken“ sympathisieren oder im unmittelbaren Umfeld (Familie, FreundInnen, Verwandte,…) davon betroffen sind.

Fakt ist, dass immer mehr Menschen durch die lange Dauer der Coronakrise mit psychischen Problemen zu kämpfen haben und professioneller Hilfe bedürfen, darunter auch solche, die davor keine psychischen Probleme hatten.

LINKS:
Verein Lichterkette
Verein PC´s für alle