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AKTUELLES

27.04.2021

Öffne deinen Erfahrungsschatz: Der Abwärtsspirale trotzen

Doris G. spricht offen über ihre bewegte Geschichte, persönliche Krisen und ihren ganz individuellen Weg, mit diesen umzugehen.


1988. Ich stehe im Stiegenhaus und trage keine Schuhe, obwohl ich doch zur Arbeit gehen will. Eine innere Gedankenstimme sagt mir, als jemand vorbeigeht, warte noch. Und dann öffne ich das Fenster und springe hinaus.

Wirbelsäulenbruch, Intensivstation folgen und danach ein Aufenthalt in der Psychiatrie. Damals eine Art Verwahrung, zuerst in der Geschlossenen, eine Woche später auf der Offenen wo ich glaubhaft machen konnte, keinen weiteren Suizid zu begehen.

In meinem Leben  gab es gesamt drei Suizidversuche. Wie habe ich das überlebt und gelernt damit umzugehen? In jungen Jahren, nach dem ersten Suizidversuch/vermuteter Psychose habe ich mir eine Therapeutin gesucht, als ich dann nach Berlin gegangen war. Die half mir 1,5 Jahre (kein Kassenplatz) in Gesprächen, mir überhaupt erst mal einen Raum zu geben für das Unaussprechliche, was alles da und vor allem davor passiert war. Ein Schutzraum, wo ich Wörter für meine Emotionen und Kontakt zu meinen Emotionen fand.

Das stabilisierte mich eine ganze Weile, auch wenn Suizidgedanken immer wieder mal Thema im Alltag blieben.

Als meine Familie, meine beiden Schwestern und meine Mutter, innerhalb von 6 Jahren, ab Mitte der 90er starben, brauchte ich danach auch wieder Hilfe. Und suchte sie aktiv in einer Trauerberatung, die mir ein Jahr lang zur Verfügung stand. Auch hier standen wieder das Benennen des Schmerzes, der Ohnmacht, der Schuldgefühle und vieles mehr im Fokus.

Heute bin ich 51 Jahre und lebe wieder, nach langen Zeiten im Ausland, in Graz. Vor drei Jahren hatte ich (wieder) eine Psychose und darauf wieder einen „sanften“ Suizidversuch. Nur ambulante Klinikaufenthalt dieses Mal, weil ich letzteres leider nicht zugab. Und weil ich Angst vor der Klinik aus meinen Erfahrungen aus den 80ern hatte.

Aber als ich 1,5 Jahre später wieder an dem Punkt war – präpsychotisch und suizidgefährdet – checkte ich selbst im LKH St. Leonhard ein. Und mir wurde im Gegensatz zu damals auf vielfältige Weise mithilfe von Therapien geholfen. Dem folgte ein Aufenthalt in der Rehaklinik in St. Radegund. Und seit 2 Jahren bin ich erneut in Therapie, ambulant (Kassenplatz auf den ich ein ¾ Jahr gewartet habe).

In dieser konnte ich vieles aufarbeiten, was geschehen war und einen Weg finden, mich nicht mehr selbst zu verurteilen, wenn es mir schlecht geht und ich infolge dessen negative Gefühle habe, bis hin zu suizidalen.

Ich habe mir auch einen Notfallplan entwickelt, wo all meine Skills darauf stehen, die mir vorab helfen können. Z.b. mein Glaube – aktiv beten, spazieren gehen, schreiben, mit Menschen sprechen. Daher gibt es auch eine Liste von Leuten, die mir nahe stehen und Institutionen, wo ich mich hinwenden kann. Diesen Notfallplan kannst du in deine Tasche geben oder zuhause verwahren.

Auch innere Übungen haben mir sehr geholfen, u.a. in Gedanken mein Lebenshaus einzurichten und zu renovieren bzw. neu zu bauen. Seitdem bin ich um einiges stabiler geworden, vor allem weil ich die „Abrissbirne“ vor dem Haus in Gedanken weggefahren habe.

 

Doris.Bernadette.klein

Über die Verfasserin:
Geboren und auch aufgewachsen in Österreich verbrachte Doris G. zunächst 21 Jahre ihres Lebens in Berlin und je ein halbes Jahr in Italien, Neuseeland, Australien und Portugal. Nach insgesamt zwei Jahren in Wien ist die steirische Landeshauptstadt Graz nun wieder ihr Zuhause. 
In ihrem Blog "Bernadette betet" schreibt Doris über ihr Leben mit psychischer Belastung, sowie ihre persönliche Beziehung zu ihrem Glauben.
Zum Blog von Doris G. geht es unter >>HIER

 

 

Öffne deinen Erfahrungsschatz CALL FOR PAPERS

Öffne deinen Erfahrungsschatz!
Was machst du in (seelischen) Krisensituationen, damit es dir wieder besser geht?

Der Verein Achterbahn lädt dazu ein, persönliche Erfahrungen im Umgang mit Krisen zu teilen.
Gib dir einen Ruck und schicke uns deine Erfahrungen!
Ziel ist, dass – im Sinne der „Hilfe zur Selbsthilfe“ – ein Pool aus Ideen und Geschichten entsteht, auf den Menschen, denen es gerade nicht so gut geht, zugreifen können.

Weitere Infos zur Texteinreichung im Rahmen des Projekts „Öffne deinen Erfahrungsschatz“ findest du HIER >>