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AKTUELLES

13.10.2021

Die Bedeutung der Peerarbeit für die Steigerung der Gesundheitskompetenz

Am 12.10.2021 hielt Michaela Wambacher von Achterbahn bei der 6. OPGK-Konferenz rund um das Thema Gesundheitskompetenz steigern einen Kurzvortrag.


Es ging dabei um die Maßnahmen von Achterbahn Steiermark für mehr Gesundheitskompetenz der Zielgruppe "Menschen mit psychischer Beeinträchtigung und seelischen Leiden.

Foto: Screenshot vom Plenum

Michaela Wambacher
Leave no one behind - Impulse für eine neue Praxis

"Ich bin im Bereich „Psychische Erkrankungen“ als Erfahrungsexpertin in der Selbsthilfe (Peer) aktiv, seit 2006 im Verein Achterbahn Steiermark und seit 2020 beim Dachverband IdEE , das ist die österreichische Interessensvereinigung der ErfahrunsexpertInnen für psychische Gesundheit.

Laut Statistik erlebt jede/r vierte Österreicher und jede vierte Österreicherin im Laufe seine bzw. ihres Lebens mindestens eine Episode mit psychischer Erkrankung, vor allem Burnout, Depressionen und/oder Angsterkrankungen. Und obwohl psychische Erkrankungen derart häufig auftreten, sind nach wie vor mit vielen Vorurteilen, negativen Zuschreibungen und Tabus belastet. Das führt dazu, dass Betroffene, aus Angst, für verrückt gehalten zu werden, zu lange warten, bis sie sich, wenn überhaupt, professionelle Hilfe holen, was dazu führt, dass ihr Leidensweg unnötig verlängert wird. Dort wo Stigmatisierung und Tabuisierung von psychischen Erkrankungen besonders hoch sind, ist auch die Suizidrate am höchsten. In der Steiermark je weiter man nach Nordwesten schaut (z.B. in und um Murau).

Achterbahn Steiermark – die unabhängige Peerbewegung für psychische Gesundheit versucht dem seit 2007 mit gezielter Entstigmatisierungarbeit und Mitarbeit in professionellen Gremien sinnvoll entgegenzuwirken.

Mit Peerberatung und einem niederschwelliges und kostenfreies Gruppenangebot gegen Isolation und Einsamkeit und für mehr Lebensfreude, versuchen wir im Sinne von „Stepped Care“ das Gesundheitssystem zu entlasten, aber auch für Betroffene eine Brücke zur professionellen Hilfe zu sein.

Heute sind wir - 16 von psychischer Erkrankung genesene Peers, die für ihre Arbeit entsprechend entlohnt werden. Wir versuchen, dem Menschen mit unserem eigenen Erfahrungshintergrund in seiner Welt wertfrei und auf Augenhöhe zu begegnen.
Unser Ziel ist gar nicht so sehr, dass beim Betroffenen sozusagen etwas in Richtung Genesung weitergeht – die Diagnose steht bei uns auch gar nicht im Vordergrund - sondern vielmehr, den Menschen so anzunehmen wie er gerade bei uns ankommt und ihn wieder unter Menschen zu bringen, alles andere ergibt sich meist von selbst. Denn eines ist gewiss: Der Mensch kann auf vieles verzichten, aber nicht auf den anderen oder die andere.

Wir sind davon überzeugt, dass gerade durch die Erfahrung in den Gruppen die Gesundheitskompetenz beim Einzelnen steigen kann! Beispielsweise besteht für Betroffene im Atelier Achterbahn die Möglichkeit, sich kreativ zu betätigen und dabei zu erfahren, wie kreatives Tun psychisch schlechte Phasen verbessern kann. In den Kräuterkursen erlernen die TeilnehmerInnen, wie sie sich durch selbst erzeugte Produkte verwöhnen und ihre Gesundheit stärken können. Die Bewegungsgruppe legt den Fokus auf bewegte Achtsamkeitsübungen, die belastende Gedankenmustern entgegenwirken und psychisches Wohlgefühl erzeugen sollen. Das alles ist derart einfach angelegt, dass vieles davon auch zuhause umgesetzt werden kann.

Die Freizeit- und Frühstücksgruppen sowie Ausflüge und Grillnachmittage im Therapiegarten, Benefizkonzerte und Infoveranstaltungen führen aus der Isolation, stärken das Gemeinschaftsgefühl und bewirken unter Umständen neue Freundschaften, die dann auch zu privaten Treffen und Unternehmungen führen.

Der Erfahrungsaustausch bietet Gelegenheit, Einblicke in andere Erfahrungen und Bewältigungsstrategien zu bekommen und sich selbst neu auszurichten, neue Therapien auszuprobieren oder bei bestimmten Fachleuten anzudocken.

Durch die Gruppenbesuche kommen Betroffene oftmals zu der Erkenntnis, dass sie selbst etwas für ihre Gesundheit tun können und beginnen eigene Strategien zu entwickeln, um ihre Situation zu verbessern. Stichwort „Empowerment“.

Die meisten unserer GruppenbegleiterInnen waren ursprünglich selbst NutzerInnen des Achterbahn-Angebotes, konnten sich dadurch im Laufe der Zeit soweit stabilisierten, dass sie ihre Mitarbeit im Verein als ErfahrungsexpertInnen (Peers) angeboten haben und eingestellt wurden. Es ist also eine Entwicklung möglich, die sogar sinnerfüllende Arbeit schafft.

Welche Maßnahmen braucht es aus Betroffenensicht daher, um die Gesundheit bzw. die Gesundheitskompetenz in der österreichischen Bevölkerung zu verbessern? Mein Vorschlag ist einfach aber nicht leicht zu erreichen: Die Stärkung der Selbsthilfebewegung in Österreich durch entsprechende finanzielle Förderung der öffentlichen Hand. Zur Professionalisierung von Peers braucht es außerdem ein qualifizierte und österreichweit anerkannte Ausbildung mit einem entsprechenden Angebot in den Bundesländern.
Denn: Jeder Euro, der in die Selbsthilfe investiert wird, fließt vielfach ins System zurück, das ist erwiesen und macht Sinn!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!"

Zur Information:
Die ÖPGK ist die Österreichische Plattform für Gesundheitskompetenz. Die Stärkung der Gesundheitskompetenz ist ein wichtiges Gesundheitsziel und ein Eckpunkt der Gesundheitsreform in Österreich.
Die Österreichische Plattform Gesundheitskompetenz (ÖPGK) unterstützt die Umsetzung dieses Ziels unter Berücksichtigung des Health-in-All-Policies-Ansatzes.

LINK: Dachverband IdEE