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AKTUELLES

08.06.2022

#1 Peerarbeit: Was sind Peers?

Peerarbeit gewinnt langsam auch in Österreich an Bedeutung. Der erste Teil der Serie widmet sich der Frage: „Was sind „Peers“ und wer profitiert von ihrer Arbeit?“


Der Begriff „Peer“ leitet sich aus dem Englischen ab, bedeutet übersetzt soviel wie „gleichwertig“, „gleich“. Im psychosozialen Kontext sind Peers zunächst Menschen, die persönliche Erfahrung mit psychischen Krisen und deren Bewältigung haben.

„Peerarbeit“ bezeichnet den Miteinbezug dieser Menschen als „Expert*innen aus eigener Erfahrung“. Ihr besonderes „Spezialgebiet“ ist ihre Perspektive als (ehemals) Betroffene einer psychischen Erkrankung, die Krisen bewältigen und lernen mussten, mit ihrer „Besonderheit“ zu leben. Zusätzlich zu ihrer persönlichen Erfahrung sind Peerarbeiter:innen geschult in der (Selbst-)Reflexion, der Beratung und der Leitung von Selbsthilfegruppen. So schaffen sie einen niedrigschwelligen Zugang, an dem Betroffene, aber auch Angehörige viel einfacher und "barrierefreier" anknüpfen können, bevor sie sich an Professionist:innen wenden.

Die Erfahrungen von Peers stellen vor allem aus diesem Grund eine große Bereicherung im psychosozialen Sektor dar, als dass diese die Lage, in der sich psychisch erkrankte Menschen befinden von innen heraus verstehen, zwischen Klient:innen und Fachpersonen vermitteln, sowie wertvolles Feedback zur individuellen Betreuung von psychisch erkrankten Menschen geben können. Auch tragen sie zur nachhaltigen Genesung Betroffener bei, indem sie Vertrauen wecken und Mut machen. Sie zeigen, dass es sich lohnt, „weiterzumachen“, und dass eine psychische Erkrankung keine „Lücke im Lebenslauf“, sondern wertvolle Erfahrungen bedeuten kann, die der Gesellschaft durch ihren offenen Umgang mit der Erkrankung zugänglich gemacht werden können.

In Deutschland und in der Schweiz wird Peerarbeit bereits erfolgreich in die psychosoziale Versorgung psychisch erkrankter Personen eingesetzt. Sie stellt eine weitere Säule der Begleitung dar, die es ermöglicht, bedarfsorientiert und im Sinne von „Recovery“ zu agieren und in der Folge die nachhaltige Genesung zu fördern.

hand-people-isolated-finger-two-together-1105698-pxhere.com Gräben überwinden: Der erste Schritt ist der schwierigste
Psychiater:innen, Soziarbeiter:innen, Therapeut:innen haben essentielles fachliches Wissen, Peers bringen ihren persönlichen Zugang zum psychosozialen Sektor und dessen Angebot mit.
Häufig suchen sich Menschen, die von psychischen Krisen herausgefordert werden, erst nach vielen Jahren Unterstützung. Psychisch zu erkranken bedeutet nicht selten, mit der Angst vor einer „Lücke im Lebenslauf“, Arbeitsplatzverlust und dem Verlust des Einkommens konfrontiert zu sein. Sich einzugestehen, dass man allein nicht mehr weiterkommt und die Unterstützung psychosozialer Einrichtungen zu benötigen, ist in der Leistungsgesellschaft schambesetzt und geht oftmals mit Entfremdung von sich selbst und der Umwelt einher. Gleichzeitig machen viele psychisch belastete Personen die Erfahrung, in einer „Parallelwelt“ zu leben, in der Freund:innen oder Familie sie nicht mehr verstehen können, sind es doch oft alltägliche Dinge, die nicht mehr bewältigt werden können, wie beispielsweise Einkaufen, Körperpflege oder überhaupt aus dem Bett zu steigen. Peers wissen aus Erfahrung, wie sich dies anfühlt und signalisieren Betroffenen: „Du bist nicht allein.“

Niedrigschwelliges Angebot – etwa Selbsthilfe, begleitet durch Peers, schließt die Lücke zwischen psychisch erkrankten Menschen und Professionist:innen, indem diese – ganz stigmafrei – für Betroffene da sind, ihnen die Möglichkeit bieten, der häufig entstandenen Isolation zu entfliehen und sich in geschütztem Rahmen auszutauschen. Peers vernetzen Betroffene zu Professionist:innen weiter und stehen ihnen somit bei der Überwindung der größten Hürde bei: Sich Unterstützung zu holen.
Ihr offener Umgang mit persönlicher Krisenerfahrung schafft einen einzigartigen Zugang zu Betroffenen und zeigt, dass es keine Schande ist, psychisch zu erkranken. Indem Peers über ihre Erfahrungen sprechen, regen sie Menschen in psychischen Krisen dazu an, selbst zu erzählen und zu reflektieren. Viele Erkenntnisse, die in der Folge gemeinsam mit Professionist:innen aufgearbeitet werden können, entstehen erst im Kontakt und dem gemeinsamen Austausch mit Peers, der von Vertraulichkeit und Gemeinsamkeit geprägt ist.

Es gibt Dinge und Sachverhalte, über die nicht sofort mit Professionist:innen gesprochen werden können.
Sei es, weil sie Betroffene für „zu banal“ und „abwegig“ halten oder zu schambesetzt sind, um sie Therapeut:innen, Psychiater:innen, Sozialarbeiter:innen o.a. mitzuteilen. Im Kontakt mit Peers können "heikle" Themen mitunter einfacher angesprochen und im Weiteren zur Aufarbeitung mit Professionist:innen vorbereitet werden. Peers fungieren somit als „Missing Link“, können vernetzen, begleiten und somit die Maschen des sozialen Netzes enger ziehen.
Aufgrund ihres niedrigschwelligen Zugangs zu Betroffenen können Peers Gräben zwischen Professionist:innen und Klient:innen schließen und damit die Genesung maßgeblich und nachhaltig begünstigen.

Füße Umgekehrt profitieren auch Professionist:innen von Peerberater:innen im Team, da diese ihre Eindrücke teilen, sowie mit ihrer Einschätzung Therapiewege gemeinsam mit Therapeut:innen für und mit Klient:innen gemeinsam gezielt optimieren. Zudem bekommen Professionist:innen durch den offenen Umgang mit Peers und deren Erfahrungen wertvolle Einblicke in die Lebenswelt und Perspektive psychisch erkrankter Menschen und deren persönlichen Umgang mit der Erkrankung, was ferner für die Reflexion von Problemstellungen und Herausforderungen, den Zugang zu Klient:innen, und die Sichtweisen im Team sensibilisieren kann.

>>Zum Weiterlesen:
Bedeutung und Wirksamkeit von Peerarbeit in der psychosozialen Versorgung (Übersicht des internationalen Forschungsstandes)